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2 (1858)
Entstehung
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den, in keinem Buche hat man ſo etwas geleſen. Johanna erwiederte in der Zuverſicht ihres Glaubens:*)Mein Herr hat ein Buch, in dem nie ein Prieſter geleſen hat, mag er noch ſo vollkommen ſein in ſeinem Prieſterthum. In den Büchern unſeres Herrn ſteht mehr, als in den eurigen 57. Aimeri warf ein:Du behaupteſt, die Stimme habe dir geſagt, Gott wolle das Franzöſiſche Volk aus ſeiner Noth erretten. Iſt es Gottes Wille, ſo bedarf es nicht der Gewaffneten.Im Namen Gottes, war die Antwort, die Krieger werden kämpfen und Gott wird Sieg verleihen**). Aimeri war befriedigt 5s.

Anſtoß erregte Johannas männliche Kleidung. Darüber zur Rede geſtellt, ſagte ſie:Ich habe dieſe Tracht in Vauconleurs angelegt auf den Befehl Gottes***). Gegen Frauen, welche ihr Befremden äußerten, daß Johanna keine Weiberkleider anziehe, rechtfertigte ſie ſich folgender⸗ maßen:Daß euch das ſonderbar vorkommt, glaube ich gern, und habt ihr Urſache dazu, aber weil ich mich wappnen und dem edlen Dauphin in Waffen dienen ſoll, deshalb muß ich die Kleidung anlegen, welche dazu paſſend und nothwendig iſt. Auch deswegen, weil ich unter Männer leben muß. Denn trage ich Mannskleider, ſo erwecke ich keine fleiſchlichen Begierden in ihnen. Ferner glaube ich, daß ich in dieſer Tracht beßer die Keuſchheit bewahren kann in Gedanken und Werken 5.

Auch wollten die Examinatoren wißen, weshalb Johanna den König Dauphin nenne und nicht König.⸗enr*)Ich werde ihn, erklärte ſie, nicht eher König nennen, bis er in Reims ge⸗ krönt und geſalbt iſt 60...

Durch die heilige Schrift ſchienen zwei Mittel vorzugsweiſe bezeichnet, um zu erproben, ob Gott die Jungfrau wahrhaſtig geſandt habe, erſtlich das Fordern eines Wunderzeichens und

*) Ein tiefſinniges Wort, womit Johanna für ihr gottgebotenes Werk den Maßſtab des Außerordent⸗ lichen, für ſich alle Vorrechte der Gottgeſandten beanſprucht.

**) Wie ließe ſich wohl das Verhältnis zwiſchen menſchlicher Freiheit und göttlicher Gnade richtiger beſtimmen? Der Segen kommt von Oben, der Menſch aber thue das Seine.

) 0. I1, 94: Interrogata utrum, quando primo applicuit penes régem suum, an ipse petiverit ab ea si per revelationem habebat quod mutaret habitum suum: respondit:Ego de hoc vobis respondi; tamen non recordor si hoc fuerit mihi petitum. Et ihhud est scriptum in villa Pictavensi. Interrogata an recordetur quod magistri qui examinaverunt eam. interrogaveruantne ipsam in mutatione sui habitus: respondit:‚Ego non recordor; tamen ipsi me iuterrogaverunt ubi ego ceperam istum habitum virilem; et ego dixi eis quod ego ceperam apud oppidum Valliscoloris. Interrogata utrum præfati magistri petierunt ab ea, si per voces suas ceperat illum habitum: respondit: Ego non recordor. Daß Johanna die Manns⸗ kleider auf Befehl Gottes und der Engel angezogen, hat ſie den Richtern in Rouen deutlich genug, wenn auch indirect und mit Widerſtreben, geſagtO. 1, 74, ſ.§. 1. Anm. 48. Viel weniger wird ſie mit dieſem Geſtändnis in Poitiers zuruckgehalten haben. Ein Zeugnis dafür O. 1V, 509(Pabſt Pius): Rogata cur vestes viriles mufieri prohibitas(ſ. V. Moſ. 22, 5)

induisset,virginem sese ait; virgini utrumque habitum convenire; sibi a Deo mandatum esse vestibus ut virilibus uteretur, cui et arma tractanda essent Virilia. Nach Percevals und A. Chartiers im Juni und Juli 1429 geſchriebenen Brieſen hat ihr die Stimme bei der Be⸗ rufung die Männertracht anzulegen geboten, 0. V, 117. 118. 132. Vergl. Chron. der Jungfr. G. IV, 250, Thomas Baſin 1V, 353. Joh. Nider 1V. 503. Es liegt auf der Hand, daß Johanna in Rouen Vergeßenheit bloß vorgeſchützt hat, um rückſichtlich dieſes häckeligen Gegenſtandes ihren König und die Examinatoren ganz außer Spiel zu lußen. naf n. **) Le Brun de Charmettes I, 401: Soumise aux préjugés de son sièele, Jeanne croyait-elle que la cérémonie du sacre conférait seule la royanté; ou cherchaitrelle à faire entendre à Charles VII, pour exciter son couroge, qu'il ne serait vraiment roi que lorsqu'il aurait chassé ses ennemis de son royaume? Le Brun hält lehteres für wahrſcheinlich. Die Idee der Jungfrau war größer. Durch die Salbung in Reims weihte und heitigte Gott, der eigentliche König von Frankreich, den durch Geburt Erbberechtigten zu ſeinem Lehensträger und Stellvertreter, das na⸗ türliche Recht zum göttlichen Rechte erhebend, ſ. I. Theil, S. 335.