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kein Menſch außer ihm(dem König) habe wißen können, es ſei denn durch göttliche Offen⸗ barung 26. Von Bedeutung iſt dies Zeugnis inſofern, als es ausdrücklich beſagt, daß das Ge⸗ heimnis, welches Johanna dem König aufdeckte, in der eignen Bruſt deſſelben verſchloßen war.
Worin nun beſtand das Geheimnis? Vergebens ſuchen wir Aufſchluß in den Proceſſacten. Es war für die Richter von großer Wichtigkeit, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, zumal daſſelbe einem verbreiteten Gerüchte zufolge in der Beſchwörung eines Engels beſtanden haben ſollte. Schon in der zweiten Sitzung legen ſie daher der Jungfrau die Frage vor, ob ſie damals, als ihr die Stimme den König gezeigt, einen Engel über deſſen Haupte geſehen habe. Johanna hatte von Anfang an ihren Richtern geſagt ²7 und ſeitdem ſtets wiederholt, ſie habe Offenbarungen von Gott, die ſie nur ihrem König mitgetheilt habe und niemandem mit⸗ theilen werde, wenn es ihr auch den Hals koſten ſollte. Dieſem Grundſatz getreu geht ſie auf die Frage ſelbſt nicht ein, ſondern behauptet nur, der König habe viele Erſcheinungen und herrliche Offenbarungen gehabt, bevor er ihr das Rettungswerk Frankreichs anvertraute 28. Dieſelbe Zurückhaltung beobachtet ſie in den ſechs erſten Sitzungen. So oft auch die Richter auf die Offenbarungen im allgemeinen und den Engel insbeſondere zurückkommen, ſie verweigert jegliche Auskunft, zuletzt mit Hinweiſung auf einen Eid, den ſie den Heiligen freiwillig ge⸗ leiſtet, das Geheimnis nicht zu verrathen. Nur die Wirklichkeit der Offenbarungen hält ſie feſt und an die Stelle des Engels ſetzt ſie ein Zeichen, das der König gehabt, bevor er ihr Glauben geſchenkt habe. Daß ſie damit auf das Geheimnis hindeutet, beweiſt eine pvätere Aeußerung, der König ſei allein, aber viele Leute in der Nähe ge⸗ weſen, als ſie ihm das Zeichen gegeben20. Die Richter ließen ſich durch die Be⸗ harrlichkeit der Johanna nicht von neuen Verſuchen abſchrecken. So geſchah es, daß Johanna, des ewigen Drängens müde, von der ſiebten Sitzung an auf die Fiction des Engels einging 30 und dieſelbe beſonders in der zehnten Sitzung als Mittel benutzte, um die Richter in Betreff des Geheimniſſes aufs gründlichſte zu myſtificierensr. Ohne das Mindeſte von letzterem zu enthüllen*), ſtellt ſie in einer ſinnvollen Allegorie die ganze Empfangsſcene dar bis zu dem Augenblick, wo der König ſie bei Seite nahmen. Sie aoß als Geſandte Gottes iſt der Engel,
*) Ihre Rechtfertigung darüber, daß ſie trotz des vorgeſchützten Eides, Q0. I, 90. 91. 134. 139. (Wäret ihr damit zufrieden, daß ich meineidig würde?) das Zeichen endlich(wie die Richter meinten) geſagt habe, ſ. Q. I1, 306: Das dem König gegebene Zeichen habe ich geſagt, weil die Leute der Kirche(ihre Richter) mich dazu gezwungen haben.
**) Hier das Sinnbild in ſeinen Grundzügen: der Erzengel Michael kommt mit einem Gefolge von andern Engeln und den beiden Heiligen in das Gaſthaus, worin Johanna wohnt und holt ſie ab in den Palaſt des Königs. Michael tritt zuerſt in den Empfangsſaal, Johanna folgt ihm. Herr, ſpricht Johanna zum König, ſeht da Euer Zeichen, nehmt es. Darauf begrüßt der Engel den König und übergibt dem Erzbiſchof von Reims eine Krone von lauterem Golde. Der Erzbiſchof reicht ſie dem König. Unſchätzbar iſt ihr Werth, ſie kommt von Gott. Sie hat einen guten Duft und wird ihn behalten, ſofern ſie wohl bewahrt wird, wie ſichs ziemt. Im Schatze des Könias iſt ſie niedergelegt. Dauern wird das Zeichen tauſend Jahre und darüber.— Wären die Richter nicht durch das Gerücht von dem Engel von vorn herein auf einer falſchen Fährte ge⸗ weſen, ſie hätten die Wahrheit unter der Hülle der Dichtung ſelber finden müßen. Der bildliche Sinn leuchtet unverkennbar aus folgenden Worten der Joh. hervor, welche in das Bild einge⸗ webt ſind O. I, 141: Es bezeichnete jene Krone, daß mein König das Reich beſitzen würde; 139: Das Zeichen war, daß der Engel meinem König verſicherte, indem er ihm die Krone brachte, daß er das ganze Franzöſiſche Reich vollſtändig erhalten würde durch Gottes Hülfe und mein Be⸗ mühen; 126: Der Engel ſagte meinem König, er ſolle mich ans Werk ſetzen und ſofort würde das Vaterland erleichtert ſein. S. Anm. 24.— Seltſam, daß man bisher gar keinen Gebrauch von dieſen Erklärungen der Johanna gemacht hat, um den Inhalt ihrer göttlichen Botſchaft feſtzuſtellen, ſo weit ſie denſelben dem Könige vor dem verſammelten Hofe dargelegt hat. 4


