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2 (1858)
Entstehung
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König, beobachtete aber bei der Begrüßung auch die üblichen Förmlichkeiten mit ſolchem An⸗ ſtand, als wäre ſie am Hofe groß geworden. Eherbietig verbeugte ſie ſich vor dem König, entblößte ihr Haupt und ſiel auf die Kniee 20. Karl fragte nach ihrem Namen.Edler Dauphin, antwortete ſie, ich heiße Johanna, die Jungfrau, und Euch entbietet der König der Himmel durch mich, daß ihr ſollt geweiht und gekroͤnt werden in der Stadt Reims und ſollt Statthalter des Königs der Himmel werden, der da iſt der(eigentliche) König von Frankreich. Ich bin gekommen und bin geſandt von Seiten Gottes, um Euch und dem Reiche Hülfe zu bringen 21.

Die Idee des Franzöſiſchen Königthums, wie Johanna dieſelbe dachte; der Rathſchluß Gottes über König und Reich; Johannas eigener Beruf, den göttlichen Rathſchluß zu voll⸗ ſtrecken: alles dies iſt in jenen inhaltſchweren Worten zuſammengedrängt. Der König richtete darauf viele Fragen an Johanna 22, und dieſe entdeckte ihm alles, was ihr von den Heiligen offenbart war ²3. Sie verſicherte ihm, daß er unter Gottes Beiſtand und durch ihre Vermittelung in Reims zum Koͤnig geſalbt werden und ſein ganzes Reich vollſtändig wiedererhalten würde. Zunjächſt, verſprach ſie, das bedrängte Or⸗ leans vom Feinde zu befreien, und forderte, um ſchleunig ihr Werk zu beginnen, vom Könige Waffen und Leute. Alles dies iſt nur die beſtimmtere Ausführung deſſen, was Johann an der erſten Anrede verkündigt hatte. Nach ihrer Idee von dem Franzöſiſchen Reiche als Reich Chriſti und dem Franzöſiſchen Könige als Lehnsträger des Herrn im Himmel) war mit der Krone zugleich der Beſitz des ganzen Reiches gewährleiſtet ²4.

Karl hieß ſodann ſeine Umgebung auf die andere Seite des Saales treten und ſprach lange Zeit leiſe mit Johanna 25. Im Verlauf der Unterredung erheiterte ſich des Königs Ant⸗ litz, Freude malte ſich in ſeinen Zügen. Offenbar, ſo berichtet Karls erſter Seeretair aus eigner Anſchaung, ward der Koni von einem Frohſinne erfüllt, als wäre der heilige Geiſt über ihn ge⸗ kommen. Nachdem er endlich Johanna entlaßen hatte, verſicherte er den Anweſenden, Johanna habe ihm Geheimniſſe geſagt, die niemand wiße oder wißen könne, als Gott allein, er ſetze deshalb großes Vertrauen in ſie. Mehr ſagte er nicht.

Die Thatſache des Geheimniſſes leh feſt. Sie beruht auf Johannas eigner Mittheilung an ihren Kaplan Pasquerel und wird beſtätigt durch ihren Hausmeiſter d'Aulon, den beim Empfange gegenwärtigen Alain Chartier, durch Thomas Baſin, welcher Dunois als Gewährs⸗ mann anführt, ſo wie durch andere unverwerfliche Bürgen. Der König ſoll, ſagt Baſin, ge⸗ äußert haben, Johanna habe ihm ſo Geheimes und Verborgenes wörtlich vorgebracht, daß es

spondy à la dicte Jehanne:»Ce ne suis- je pas qui suis roy, Jehanne. Et en lui monstrant Pun de ses seigneurs, dist:Velà le Roy. A quoy elle respondy:En non Dieu, gentil prince, c'estes vous et non autre. Ihm folgt der Dichter Martial, V. 52. Der Spiegel tugendhafter Frauen, IV, 270: Si fut amente en une salle ou le roy estoit. Lequel elle con- gneut et aperceut entre les aultres seigneurs qui la estoient, combien qu'on luy cuidast faire entendre que quelque aultre de la compaignie estoit le roy; mais elle disoit que non et monstra le roy au doyt, disant que c'estoit à luy quelle avoit à faire et non à aultre: dont tous ceulx qui estoyent furent esmerveillez. Aehnlich Le greffier, IV, 300: Don ly foron mostratz

d'alqus cavaliers, disen ly que aquo era lo rey; es ela disia tot jorn que non era; et cant ela lo vigra, ela lo conogra be. Es adonc lo rey ba benir, ed ela, tantost que ela lo vic, se baaginol- har etc. Ins Alberne entſtellt IV, 331 ſq.(Chronik von Lothringen). Vorausgeſett, die Prüfung habe wirklich ſtattgefunden, iſt Chartiers Erzählung nicht unglaublich, daß der König beim Empfange kein in die Augen fallendes Abzeichen ſeiner Würde getragen habe, vielmehr in minder koſtbarem Schmucke erſchienen ſei, als viele der Hofleute. Doch bedurfte es eines ſolchen Mittels der Täuſchung auch nicht nothwendig, wenn Karl ſich wirklich ſeitwärts und ſo ſtellte, daß das Auge

der Johanna ihn nicht ſogleich erreichen konnte.

) S. 1. Theil S. 34, Anm. 233.