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2 (1858)
Entstehung
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ſein 15. Gegen Abend des dritten Tages(9. März) wurde ſie endlich durch den Grafen von Vendome(Ludwig von Bourbon), welcher den Auftrag hatte, die Jungfran einzuführen, aus ihrem Gaſthauſe in das fürſtliche Schloß abgeholt. Johanna ging voll Zuverſicht und Gottver⸗ trauen 16. Mittlerweile hatten diejenigen Großen des Hofes, welche von Anbeginn das Ver⸗ langen der Jungfrau zu vereiteln geſtrebt hatten, den Entſchluß des ohnehin wankelmüthigen Köͤnigs wieder ins Schwanken gebracht. Noch auf der Schwelle des Palaſtes wäre Johanna zurückgewieſen worden, hätten nicht Andersgeſinnte das Schreiben Baudricourts und die wun⸗ derbare Behütung auf der Reiſe geltend gemacht 1.. e nanii Im Empfangsſaale war alles darauf berechnet, das einfache Dorfkind zu blenden und zu verwirren. Die geräumige Halle ſtrahlte im Lichte von fünfzig Fackeln 1. Mehr als drei⸗ hundert Standesperſonen waren verſammelt, die höchſten Würdenträger der Krone und Kirche, Ritter und Edle aus den vornehmſten Geſchlechtern Frankreichs. Es befand ſich unter ihnen der Erzbiſchof von Reims, die Herrn von La-Tremouille, von Gaucourt, der Graf von Cler⸗ mont(Karl von Bourbon), wahrſcheinlich auch der Marſchall von Bouſſac oder Sainte-Severe, der tapfere La Hire und die beiden Abgeordneten von Orleans ¹9. Johanna, an den Lichtglanz ihrer himmliſchen Erſcheinungen gewöhnt, ließ ſich durch den Schimmer irdiſcher Pracht nicht außer Faßung bringen. Sie erkannte den König unter der Menge durch Offenbarung ihrer Heiligen*). Mit der ganzen Einfalt und Demuth eines armen Landmädchens trat ſie vor den

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) O. 1, 56: Quando intravit cameram sui regis, cognovit eum inter alios, per consilium suæ vocis hoc sibi revelantis. 233. 332. III, 199. Semit ſteht die Thatſache feſt, daß Johanna n den König unter ſeiner Umgebung herausfand. Mehr aber erfahren wir von ihr ſelbſt nicht. Dagegen hören wir von anderer Seite, Karl habe ſich, um den Seherblick der Jungfrau zu prüfen und zu verſuchen, ob ſie nicht einen andern ſtatt ſeiner für den König halten werde, zur Seite geſtellt, bevor Johanna in den Saal eintrat. Der Gedanke, den Prophetengeiſt der Jungfrau auf die Probe zu ſtellen, konnte durch den Brief aus Fierbois veranlaßt ſein(. I. 76: Ei vide- tur ei gewis iſt es alſo nicht! quod in eisdem litteris continebatur quod ipsa cognosceret bene præfatum regem suum inter omnes alios. 248. Vergl. IV, 331 sq.), aber auch an⸗ und für ſich hat ein ſolcher Verſuch nichts befremdendes, da Johanna ſich als Gottesgeſandte ankün⸗ digte. Nur das fällt auf, daß unter den im Reviſtonsproceſſ Verhörten allein Simon Charles (1429 maftre des requéètes à la cour des comptes) und Joh. Moreau der Sache Erwähnung thun(nicht Gaucourt, Dunois ꝛc.). Beide waten noch dazu keine Augenzeugen. Indeſſen will Johanna I, 56 auf jeden Fall etwas außerordentliches andeuten und Simon Charles iſt ein gut unterrichteter Gewährsmann. Seine Worte lauten in treuer Ueberſetzung, Q. III, 115 sq:»Als dem König gemeldet wurde, Johanna komme, ſtellte er ſich auf die Seite fern von den andern (se traxit ad partem extra alios), Johanna jedoch erkannte ihn wohl und bezeugte ihm ihre Ehrerbietung. Weniger Werth hat Moreaus Ausſage, Q. III, 192: Et quum ibidem(à Chinon) accessisset sibi fuit dictum, qunm regem nunquam cognovissit, de alio quod erat réx; qua: dixit quod non erat. Et tandem examinata per clericos et doctores, locuta fuit regi. Der Sinn dieſer Worte iſt der: Es wurde der Johanna in Chinon ein Mann gezeiat und geſagt, der⸗ ſelbe ſei der König. Johanna erwiederte trotzdem, daß ſie den König nie geſehen hatte, jener Mann ſei der König nicht. Da Moreau ſo fortfährt:Endlich, nachdem Johanna von Klerikern und Doctoren geprüft worden, hatte ſie eine Unterredung mit dem Könige,« ſo deukt er ſich den Vorfall bei einem beliebigen Anlaß vor der Audienz. Kurz berichtet Journal, O. IV, 127: Lui feit la reverence, et le congneut entre ses gens, combien que plusieurs d'eux faignoient, la enidant abuser, estre le roy: qui fut grant apparence, car elle ne l'avoit oncques mès veu. Daſſelbe nur mit etwas anderen Worten erzählt die Chronik der Jungfrau, 1V, 207. Mehr aus⸗ malend Joh. Chartier, IV. 52: Lors ycelle, venue devaut le roy, fist les inclinacions et reve- rences acoustumées de faire aux roys, ainsy que se elle eust esté nourie en sa court, et la salutation faicte dist en adreschant sa parolle au roy:»Dieu vous doint bonne vie, gentil roy;« combien que elle ne le congnoissoit, ne sy ne l'avoit oncques veu. Et y ayoit pluiseurs seisneurs pompeusement vestus et richement et plus que n'estoit le roy. Pourquoy il re-