Druckschrift 
2 (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

ſtehen. Dann in des Königs Name aufgefordert, den Gegenſtand ihrer Sendung auszuſprechen, ſagtenſie: Zweierlei iſt mir aufgetragen von dem Könige des Himmels, erſtlich die Belagerung von Orleans aufzuheben, zweitens den Dauphin nach Reims zu führen zur Krönung und Salbung. Dazu bedarf ich Waffen, Pferde, und Leute ¹0. Die Hauptfrage war durch dieſe Erklärung keinen Schritt ihrer Löſung näher gebracht. Denn wo war die Vollmacht, womit ſich Johanna als die von Gott geſandte Helferin ausweiſen konnte? Die Anſichten der Räthe blieben getheilt. Die einen behaupteten, der König dürfe der Jungfrau keinen Glauben ſchen⸗ ken, die anderen meinten, da ſie vorgebe, ſie ſei von Gott geſandt und habe mit dem Könige zu ſprechen, ſo müße dieſer ſie zum wenigſten anhören 11. Karl entſchied ſich weder für das eine noch für das andere. Er gah mehreren Geiſtlichen den Auftrag, den ſittlichen und geiſtigen Zuſtand der Jungfrau zu unterſuchen und danach zu beurtheilen, ob es vor Gott recht ſei, der Bitte des Mädchens um Audienz zu willfahren. Nach dem Erfolge der Prüfung wollte er ſeinen Entſchluß faßen. Gleichzeitig befahl er, in der Heimat der Jungfrau Erkundigungen nach ihrem Ruf und Lebenswandel anzuſtellen i. Dies Verfahren des Königs) war vernünf⸗ tiger, als die Rathſchläge ſeiner Diener. Vorſchnelle Annahme eines unbekannten Mädchens auf bloßes Wort hin wäre ebenſo ſträflicher Leichtſinn geweſen, als unbedingte Zurückweiſung. Da nun Jahanna ihre himmliſche Sendung durch keine äußere Gewähr zu beglaubigen ver⸗ mochte, ſo muſte man ihre geiſtige und ſittliche Beſchaffenheit möglichſt genau ergründen, um ins Klare zu kommen, weſſen man ſich von ihr zu verſehen, und wie man ſich demgemäß gegen ſie zu verhalten habe. Das Ergebnis der bis in den dritten Tag hinein fortgeſetzten Pruͤfung war für Johanna durchaus vortheilhaft. Man fand an ihr nur Gutes und Löbliches. So willigte denn der König, obwohl nicht ohne Widerſtreben ein, die Jungfrau im Palaſte ſich vorſtellen zu laßen ¹3. Unſtreitig haben zu dieſem Entſchluße noch andere Beſtimmungsgründe mitgewirkt. Die Noth iſt einemächtige Goͤttin, ſie war Johannas Verbündete. Der Ruf war ihr vorausgezogen, ſie komme zur Rettung Orleans. Dunois hatte auf Antrieh des ge⸗ ängſtigten Volkes die Herren von Villars und Thillay an den König geſchickt. Gleichzeitig mit Johanna waren ſie in Chinon eingetroffen. Die Noth lehrt Wunder hoffen. Schon längſt hatte die Verzweiflung Heil nur von Gottes Wundermacht erwartet. Bertrand von Ponleugy und Johann von Metz werden die Sage von der rettenden Jungfrau verbreitet haben. Man gedachte in Chinon der alten Weiſſagung von dem Wundermaͤdchen, das aus dem Bois-chesnu kommen ſollte. Die glücklich beſtandenen Gefahren der Reiſe waren ein Wunder vor aller Augen. Dazu kam Baudricourts Brief mit der Vorausſagung der Niederlage bei Rouvray ¹4: Das alles muſte die Geiſter, muſte beſonders das Volk bewegen). Hdr Si St Johanna hatte ſeit ihrer Ankunft in Chinon ohne Unterlaß gebetet, Gott möge das Herz des Königs lenken, daß er ſie bald annehme. Die Stimmen hatten ihr dies ſchon vor der Ab⸗ reiſe von Vaucouleurs ausdrücklich zugeſichert. Auch dafür, daß Karl ihr glauben würde, hatte ſie die Bürgſchaft der Heiligen. Im Glauben harrte ſie der Stunde, wo die Verheißung ſich erfüllen ſollte, ſehnlichſt wünſchend der mistrauiſchen Fragen ihrer Examinatoren überhoben zu

2 An dem Tage des Empfanges ereignete ſich der Fall, daß ein Mann zu Pferde beim Anblick der Jungfrau hohniſch fragte: Iſt das die Jungfrau? Schwörend(negans Deum) ſetzte er hinzu: Quod si haberet eam nocte, quod ipsam non redderet puellam.Ha! im Namen Gottes, ſprach Johanna, du ſchwörſt bei Gott und biſt dem Tode ſo nahe. Es dauette keine Stunde, ſo fiel er ins Waßer und ertrank. Pasquerel will dies von Johanna ſelbſt und mehreren Leuten welche zugegen waren, gehört haben. Q. III, 102. Iſt es Thatſache und erfüllte ſich Johannas e Wort eine Zeit lang von der Audienz.(Pasquerel ſagt: illa die, dum ipsa Johanna intraret do- mum regis. Der Dichter V. 38 ſa. ſetzt das Ereignis gleichzeitig mit dem Abzug nach Orleans), wie gewaltig muß der Eindruck geweſen ſein! Von dem negare Deum, was ſo oft vorkommt, ſagt Le-Brun I, 374: Jaraidieu, jarni, Schwüre die noch heutzutage unter dem Volke in Ge⸗

brauch ſind, durch Zuſammenziehung der Worte: Je renie Dieu entſtaneen