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daß ſie gekommen ſei, um Orleans zu retten und den König nach Reims zu führen. Die frohe Botſchaft verbreitete ſich wie ein Lauffeuer nach Orleans, und die Geſandten, welche Dunois an den König ſchickte, um genauere Nachrichten einzuziehen, trafen gleichzeitig mit Johanna in Chinon ein 68. Von Gien ging der Zug raſch weiter nach dem ſechs Meilen von Chinon entfernten Dorfe Fierbois. Ohne auf ein erhebliches Hindernis zu ſtoßen ¹, hatte die kleine Schar in der kurzen Zeit vom 23. Februar bis zum 5. März hundert und fünfzig Meilen zurückgelegt. Sofort ließ Johanna einen Brief an den König ſchreiben folgendes Inhalts: „Sie wünſche zu erfahren, ob ſie nach Chinon kommen dürfe, einen Weg von hundert fünfzig Meilen habe ſie gemacht, um zum Koͤnig zu gelangen und ihm Hülfe zu bringen, ſie wiße viel Gutes für ihn“ Soviel Johanna ſich im Verhör vom 27. Februar 1431 erinnerte, ſtand außerdem in dem Briefe:„ſie werde den König unter allen andern erkennen.“ Berühmt war Fierbois durch eine Wallfahrtskirche der heiligen Katharina. Johanna höͤrte drei Meſſen an einem Tage in dem Heiligthum ihrer Beſchützerin 66. Schon am nächſten Morgen(6. März) brach ſie nach Chinon auf, wo ſie um die Mittagsſtunde eintraf und im Gaſthof einer acht⸗ baren Frau unweit des Schloßes abſtieg 66.
§ 2. Zohanna in Chinon und poitiers.
„Johann von Metz und Bertrand von Poulengy ſtellten Johanna den Hofleuten und Räthen des Königs vor 1. Ueberzeugt wie ſie waren von Johannas göttlichem Berufe ſprachen ſie von der ſichtlichen Bewahrung auf der Reiſe als von einem Wunder Gottes:, ſchilderten den Character und Wandel ihrer Schutzbefohlenen nach den Erfahrungen, die ſie in Vaucou⸗ leurs wie unterwegs gemacht ¹, und überreichten den Brief, welchen Baudricourt ihnen mitge⸗ geben hatte. Johanna bat dringend um Gehör beim Könige, über den Zweck ihres Kommens erklarte ſie ſich nicht beſtimmter, als in dem Schreiben von Fierbois 4. Der König, von der Ankunft der Jungfrau in Kenntnis geſetzt, weigerte ſich dieſelbe ſofort zu empfangen. Er ließ zuvörderſt die beiden Edelleute vor den großen Rath entbieten und daſelbſt in ſeiner Gegen⸗ wart über Leben und Vorhaben des Mädchens befragen 6. Jene erzählten der Wahrheit getreu was ſie wuſten*). Nun ward die Frage in ernſte Erwägung gezogen, ob der König der Jung⸗ frau Audienz ertheilen dürfe, oder nichtz. Die Sache hatte ihre bedenklichen Seiten. Wer ſtand dafür, daß Johanna nicht eine bloße Schwärmerin oder kecke Betrügerin war? Wer mochte Bürge ſein, daß ſie nicht gar im Dienſte des Teufels kam? In der damaligen Zeit lagen beide Beſorgniſſe gleich nahe. Vorſicht that noth, wenn der König nicht zu ſeinem Un⸗ glucke noch den Spott und das Gelächter der Welt häufen, oder gar ſich vor Gott ſchwerer Sünde ſchuldig machen wollte. Im Rathe wurde das alles nachdrücklich hervorgehoben und zwar gerade von den höchſten weltlichen und geiſtlichen Würdenträgern des Hofes s. Dagegen fand auch die Anſicht ihre Vertreter, daß Gott die ſchwache und niedere Magd erwaͤhlt aben könne, um Thron und Reich aus dem Staube zu erheben. Man fand für gut, alsbald von Johanna ſelbſt eine beſtimmte Auskunft über den Zweck ihrer Reiſe und ihr Begehren einzu⸗ holen. Johanna weigerte ſich anfangs Antwort zu geben, nur dem König wollte ſie Rede
*) Damit war der Auftrag Baudricourts vollſtändig erfüllt. Doch kehrten beide Männer nicht nach Vaucouleurs zurück, ſondern begleiteten die Jungfrau, mit der ſie das erſte Wagnis glücklich be⸗ ſtanden hatten, nach Orleans auf die Bahn des Ruhmes. 9. 1V, 153. Der König ſorgte für ihre Ausrüſtung und erhob Johann von Metz zwölf Jahre ſpäter in den Adelſtand. Q. V, 257. 258. Das Adelsdiplom ſ. daſelbſt S. 363— 366. 2 1


