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doch bewaffnete Scharen überall umherſtreiften.„Ich fürchte die Bewaffneten nicht, entgegnete ſie, meine Straße iſt gebahnt. Denn ſollten Bewaffnete auf den Wegen ſein, ſo habe ich Gott meinen Herrn, der mir den Weg bereiten wird, daß ich zum Dauphin komme. Dazu bin ich geboren.“ So konnte ſie ſagen, denn die Stimmen hatten ihr zugerufen:„Gehe getroſt, wenn du vor den König komnſt, wird er ein gutes Zeichen erhalten, ſo daß er dich annimmt und dir glaubt 53.“ So war denn der erſte große Erfolg errungen, die Vürgſchaft größerer gegeben. Im Glauben hatte Johanna, unterſtützt durch den wachſenden Nothſtand, die erſte That voll⸗ bracht, neue Glaubensproben warteten ihrer.
Nicht ſo getroſt, wie Johanna, traten ihre Gefährten die Reiſe an. Eine Strecke von hundert Meilen lag vor ihnen. Das Land, welches ſie zu durchwandern hatten, war gröſten Theils in der Gewalt der Feinde. Engliſche und Burgundiſche Scharen, Räuber und Frei⸗ beuter machten die Heerſtraße unſicher. Möglichſt geheime Pfade muſte man auſfſuchen, wo⸗ durch ſich der Weg um ein Bedeutendes verlängerte, manchmal die Nacht zu Hülfe nehmen. Dazu die ungünſtige Jahreszeit, Bäche und Flüſſe angeſchwollen 54. Kein Wunder, wenn ſelbſt ein Johann von Metz und Bertrand von Poulengy, welche die Abreiſe auf's eifrigſte betrieben hatten, nunmehr augeſichts der wirtlichen Gefahren ſich der Furcht nicht erwehren konnten und mehr als einmal Zweifel an dem Gelingen laut werden ließen. Die andern, welche Johanna für ein albernes Geſchöpf hielten, ſollen auf den Gedanken gerathen ſein, ſie unterwegs in ein Verlies zu werfen, um ſich keiner Gefahr ihretwegen auszuſetzen. Johanna wuſte jenen Muth einzuſprechen, dieſen Achtung vor ihrer Perſon einzuflößen, alle zu dem Entſchluß zu begeiſtern, ſie um jeden Preis nach Chinon zu führen und dem Könige vorzuſtellen.„Fürchtet nichts, ſprach ſie, das alles iſt mir geboten, denn meine Geſchwiſter aus dem Paradieſe ſagen mir, was ich zu thun habe. Es ſind bereits vier oder fünf Jahre, daß meine Geſchwiſter aus dem Paradieſe und Gott, mein Herr, mir geſagt haben, daß ich in den Krieg gehen ſoll, um Frankreich wieder zu erobern.“„Seid unbeſorgt, denn wenn ihr in die Stadt Chinon gekommen ſeid, wird der edle Dauphin euch ein gutes Geſicht machen 55.“ Dieſe und ähnliche Reden fanden Glauben und namentlich wurden Johaun von Metz und Bertrand von Poulengy dergeſtalt von Johannas Worten und Weſen ergriffen, daß ſie in ihr eine Heilige und Geſandte Gottes ſahen 56. So hatte Johanna vor und während der Reiſe zu tröſten, aber auch ſie ward getröſtet von den Heiligen, deren Stimme ſie unterwegs oft vernahm 57. Aus mehr als einem Grunde war ſie deſſen bedürftig. Wohl hätte ihr bangen mögen, denn es war das erſte Mal, daß ſie ſo allein mit Männern auszog. Nicht bloß gegen Angriffe der Feinde, auch gegen die fleiſchlichen Ge⸗ lüſte ihrer Beſchützer muſte ſie gewappnet ſein. Schon Baudricourt hat dieſerhalb Befürch⸗ tungen gehegt, und von mehr als einer Seite iſt es bezeugt, daß böſe Abſichten unter ihren Begleitern geherrſcht haben 56. Johanna hielt alle durch ihr heiliges Leben und die Chrfurcht gebietende Macht ihrer Perſönlichkeit in Schranken. Sie ſchlief allnächtlich völlig angekleidet neben Johaun von Metz und Bertrand von Poulengy. Beide verſichern, Johanna hake ihnen eine ſolche Schen eingeflößt, daß ſie nicht gewagt hätten etwas Unehrbares von ihr zu begehren, weder einen Gedanken daran hätien ſie gehabt, noch uͤberhaupt eine ſündhafte Regung 54. So wahr iſt es, daß es keinen wirkſameren Schutz für die Keuſchheit und jede Tugend gibt, als dieſe ſelbſt. Alle Mühſale der Reiſe ertrug Johanna mit Standhaftigkeit, ſchwer wurde es ihr den gewohn⸗ ten Andachtsübungen entſagen zu müßen.„Es wäre gut, ſprach ſie, wenn wir die Meſſe hören könnten,“ aus Vorſicht geſchah dies jedoch nur zweimal 6e. Troſt und Erſatz fand ſie auch für dieſe Entbehrung in dem reichlichen Zuſpruch der Heiligen. 1
Am gefaͤhrlichſten war die Reiſe in der Näͤhe der Heimat, Sie kehrten deshalb am Abend des erſten Tages nicht ein, ſondern ritten die Nacht hindurch er und gelangten erſt am folgen⸗ den Tage nach Saint-Urbain an der Marne. Nachdem ſie daſelbſt in der Abtei übernachtet hatten, ſetzten ſie ihren Weg fort bis nach Auxerre, wo Johanna die Meſſe in der Haupt⸗ kirche beſuchte und häufig die Stimmen ihrer Heiligen hörte 64. In Gien an der Loire betrat ſie zum erſten Male den noch freien Boden Frankreichs. Hier durfte Johanna ausſprechen,


