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Orleans erlitten und werde deren noch mehr erleiden, wenn ſie nicht zu ihm geführt würde 4s. Die Zeit trifft zu, denn nach Johann von Metz iſt die Jnngfrau von ihrer Reiſe nach Nancy gegen den erſten Faſtenſonntag(13. Febr. 1429) nach Vaucouleurs zurückgekehrt 44. Hat Johannas Verkündigung wirklich den Entſchluß Baudricourts bewirkt, wie Tagebuch und Chronik melden, ſo iſt nichts glaublicher, als die ausdrückliche Angabe der letzteren, daß Baudricourt erſt nach dem Eintreffen der Nachricht von jener Schlacht ſeine bisherigen Bedenken überwand. Die Zeitbedingungen ſind auch dafür vorhanden, denn da Johanna den Weg nach Chinon in elf Tagen vollendete und am Mittage des ſechsten März daſelbſt ankam, ſo hat ſie ihre Reiſe nicht vor Mittag den 23. Februar angetreten; bis dahin aber konnte die Nachricht von der verlorenen Schlacht längſt in Vaucouleurs eingetroffen ſein 45. Die Erzählung beider Chroniken in ihrem vollen Beſtande gelten zu laßen, hindert jedoch die Rückſicht, daß die wohlunterrich⸗ teten Zeugen in Vaucouleurs kein Wort von jener Verkündigung der Johanna wißen, aus welcher dieſe ſicherlich kein Geheimnis gemacht haben würde. Alles erwogen ſcheint der wahre Verhalt der Sache folgender zu ſein. Johanna, überzeugt, daß ihr allein das Befreiungswerk des Vaterlandes von Gott aufbehalten ſei, und daß demnach jeder Rettungsverſuch, der ohne ſie unternommen würde, nothwendig zum Verderben ausſchlagen müße, hatte bei ihrer erſten Zuſammenkunſt Baudricourt aufgefordert, dem Könige von jedem Kampfe mit dem Feinde abzurathen, weil Gott ihm vor Mittfaſten Hülfe ſchicken würde. Aehnliches hatte ſie zu Johann von Metz erſt kürzlich geſagt. Als nun von einem königlichen Boten die Kunde von dem ſchweren Schlage und der allgemeinen Beſtürzung am Hofe einlief, mag Baudricourt ſich jener Worte der Jungfrau erinnert haben und um ſo mehr davon betroffen geweſen ſein, als die Mitte der Faſten herannahte*). Die Thatſache machte Eindruck auf den ſtarken Kriegs⸗ mann, wenn ſie ihm auch nicht jeden Zweifel aus der Seele nahm. Nachdruck gab die troſt⸗ loſe Lage von Orleans und die Verzweiflung in Chinon. Schnell ward der Entſchluß gefaßt, ſchnell ausgeführt. Dem Könige ſetzte Bandricourt ſeine Beweggründe in einem Schreiben auseinander 46, der eignen Umgebung wird er dieſelben verborgen haben und daraus der auf den erſten Blick befremdende Umſtand zu erklären ſein, daß niemand in Vaucouleurs die Urſache der ploͤtzlichen Umſtimmung Bandricourts anzugeben wuſte. 1I tnn Die Bewohner von Vaucouleurs beeilten ſich nunmehr, Johanna für die Reiſe auszu⸗ ſtatten. So lange Johanna in der Stadt verweilte, hatte ſie ihre ärmlichen rothen Frauen⸗ kleider getragen ¹ꝛ, dieſelben unterwegs beizuhalten, verbot Anſtand und Sicherheit. So that denn Johanna auf Befehl ihrer Heiligen, wozu Johann von Metz, Bertrand und andere Freunde aufforderten: ſie legte die Reitertracht an, welche dieſe ihr hatten verfertigen laßen. Larart und Jacob Alain kauften ihr auf eigne Rechnung ein Pferd für zwölf Franken, welche ihnen der Hauptmann nachmals wiedergab. Baudricourt ſelbſt überreichte Johanna ein Schwert 48, verpflichtete das Gefolge, welches er ihr gab, durch einen Eid, ſie gut und ſicher zu geleiten und nahm Abſchied von ihr mit dem Zuruf:„Ziehe hin, mag davon kommen, was will 49.“ Die Begleiter der Jungfrau waren: Johann von Metz mit ſeinem Bedienten Johann von Honecourt, Bertrand von Poulengy nebſt ſeinem Knechte Julien, der Bogenſchütze Richard und der königliche Herold Colet von Vienne 5°. Bertrand und Johann von Metz beſtritten aus eignen Mitteln die Koſten der Reiſe, welche ihnen demnächſt vom Könige wiedererſtattet wurden 51.. 1 12n 13 11n Groß mag der Indrang und die Theilnahme des Volkes beim Abſchied geweſen ſein. Der Geiſtliche Colin, LeRoyer mit ſeiner Frau, Gottfried du Fay und ſicherlich noch viele andere waren gegenwärtig 2. Mit Beſorgnis fragte man Johanna, wie ſie ſo fortziehen könne, da
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3) Das Zufammentreffen bleibt auf jeden Fall ein merkwürdiges, der Finger Gottes iſt darin nicht zu verkennen. Schiller, Wallenſteins Tod II, 3: Es giebt keinen Zufall, und was uns blindes Ungefähr nur dünkt, gerade das ſteigt aus den tiefſten Quellen.


