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Nachdem Laxart ſeine Nichte in dem Hauſe eines Waamerde untergebracht hatte, begab er ſich zu Baudricourt, um ihm Johonnas Anliegen vorzulegen. Der Hauptmann, ein tüch⸗ tiger Soldat, rieth ihm wiederholt, das Mädchen mit ein paar Ohrfeigen wieder nach Hauſe zu ſchicken 12, doch ließ er ſich endlich bewegen, Johanna perſönlich zu empfangen. Sie erkannte Baudricourt unter den Anweſenden, obgleich ſie ihn nie zuvor geſehen hatte, wie ſie ſagt durch Eingebung der Heiligen 18. Dann erklärte ſie feierlich:„Auf meines Herrn Geheiß bin ich ge⸗ kommen, damit du dem Dauphin entbieteſt, ſich wohl zu halten und keine Schlacht dem Feinde zu liefern, weil mein Herr ihm Hülfe ſenden wird vor Mitte der Faſten. Denn obwohl das Reich nicht dem Dauphin gehört, ſondern meinem Herrn, ſo iſt es doch deſſen Wille, daß der Dauphin König werde und das Reich zu Lehen empfange. Wider Willen ſeiner Feinde wird der Dauphin König werden, und ich ſelbſt werde ihn zur Krönung führen.“„Wer iſt dein Herr?“ fragte Baudricourt.„Der Koͤnig des Himmels“, erwiederte ſie.„Er hat mir durch die Stimme ſeiner Engel und Heiligen offenbart, daß ich nach Frankreich aufbrechen ſoll ¹⁴.“ Daran knüpfte ſie die Bitte um Geleit zum Dauphin 15. Der Hauptmann ſchlug dieſelbe ab, weil er Johannas Viſionen und Verheißungen für thörichte Einbildungen eines einfältigen Mädchens hielt 18. Johanna war durch ihr Heiligen auf eine abſchlägliche Antwort vorbereitet. ZFwelmal⸗ hatten dieſe geſagt, werde Baudricourt ſie abweiſen, erſt beim dritten Male ihrem Geſuch willfahren 17. Es blieb demnach für Johanna nichts übrig, als ſich in Geduld zu faßen, und da in der Kürze nicht auf Nachgiebigkeit des Befehlshabers zu rechnen war, ſo kehrte ſie mit ihrem Oheim bald nach jener erſten Zuſammenkunft nach Domremy zurück i8.
Die Zwiſchenzeit bis zur zweiten Reiſe nach Voucouleurs muß für Johanna äußerſt qual⸗ voll geweſen ſein. Orleans, von allen Seiten eingeſchloßen, kämpfte vergebens den Kampf der Verzweiflung. Johanna wuſte, daß nur ſie, ſonſt niemand auf Erden, die Stadt befreien, Frankreich vor dem Verderben bewahren konnte 13. Und mit dieſer Gewisheit war ſie in Unthätig⸗ keit feſtgebannt! Immer lauter erſcholl der Hülferuf der Belagerten, fort und fort mahnten die Stimmen: Brich auf nach Vaucouleurs, entſetze Orleans! Drohend geboten ſie zuletzt den ſchleunigen Vollzug des göttlichen Willens 20. Unfähig länger zu verſchieben, was Gott forderte, was zu vollbringen die eigene Seele brannte, wandte ſich Johanna abermals an ihren Oheim und uͤberredete ihn, ſie nochmals nach Voucouleurs zu bringen. Laxarts Zuverſicht war, wie es ſchien, durch das erſte Mislingen nicht wankend geworden. Auf Johannas Rath bat er die Eltern zu geſtatten, daß Johanna ſeine ſchwangere Frau im Haushalte unterſtütze und aus den Wochen pflege⸗*). Die Bitte wurde gewährt 2i. Beim Abſchied von Domremy ſagte Johanna den Leuten daſelbſt und in Greux Lebewohl wie auf Nimmerwiederſehn ²2.
Es war gegen Anfang der Faſten des Jahres 1429, als Johanna zum zweiten Male mit ihrem Oheim in Vaucouleurs eintraf, wo ſie bei ihren früheren Wirthsleuten wiederum freund⸗ liche Aufnahme fand ²³. Welche Schritte Johanna nach ihrer Rückkehr bei Baudricourt ge⸗
Rettungswerk Frankreichs zu erheben; auf jeden Fall aber gibt uns Bertrand durch das be⸗ ſchränkende ut sibi videtur die Befugnis, einen Mittelweg einzuſchlagen, wonach nicht bloß deſſen Bericht eine entſprechende Beachtung findet, ſondern auch Johannas und der Uebrigen Angaben inſofern ihr Recht behalten, als die Operationen der Engländer gegen die feſten Plätze in der Um⸗ gegend von Orleans als das treibende Motiv zur Abreiſe der Jungfrau betrachtet werden. Schade, daß Johanna auf die Frage der Richter, wie alt ſie geweſen beim Abſchied von Domremy, geant⸗ wortet hat, ſie wiße es nicht, 0. I, 51.
*) Er wird Heinrich der Wagner(Henricus Rotarius, Henri Le Royer= Le Charron, von ſeinem Geſchäfte), ſeine Frau Katharina genannt, 0. II, 445. 448.
**) Als die Eltern Kunde davon erhielten, daß Johanna nach Vaucouleurs gegangen ſei, kamen ſie faſt von Sinnen. Dies geſteht Johanna ſelbſt, 0. I, 132. 219. 333. 434. Wann die Nach⸗ richt von Johannas Beginnen an die Eltern gelangt iſt, wißen wir nicht. Gewis iſt nur, daß Johanna ihnen ſpäter einen Brief ſchreiben ließ, worauf ſie Verzeihung empfing, Q. 1, 129, 276.


