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2 (1858)
Entstehung
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than hat, iſt nicht mit Gewisheit zu ermitteln, wahrſcheinlich ließ ſie ihn von neuem um Audienz bitten 22. Während Baudricourt ihr Anſuchen unbeachtet ließ, wurden die Stadtbe⸗ wohner allmählich aufmerkſam auf Johanna. Ihre Zeit widmete ſie vorzugsweiſe kirchlicher Andacht. Regelmäßig ging ſie zur Meſſe, beichtete ſehr oft bei verſchiedenen Geiſtlichen und betete in der Kirche ſtundenlang vor dem Bilde des Erlöſers und der Jungfran Maria 2²6. Wie hätte ſolche Frömmigkeit in dem kleinen Städchen lange unbeachtet bleiben können! Im häuslichen Kreiſe ſprach ſie ſich mit der Ueberzeugungskraft der Begeiſterung über ihr Vor⸗ haben aus:Ich muß zum Dauphin, ſagte ſie, denn mein Herr, der Himmclskönig, will es. Von ihm kommt mein Anftrag, und müſte ich auf meinen Knieen hingehen, ich ginge 26. Auch die alte Sage von der rettenden Jungfraun aus den Marken Lothringens rief ſie den Leuten ins Gedächtnis zurück und erregte dadurch ihr Erſtaunen ²71. Viele glaubten ihren Ver⸗ heißungen ²s, und zwar nicht bloß Leute aus der niederen Klaſſe, ſondern auch Männer, welche in Anſehn und Wuͤrden ſtanden. Der Edelmann Albert Herr von Ourches hat oft mit Johanna geſprochen und ſich an ihren Reden erfreut 2v. Johann von Novelompont, genannt von Metz, kam in ihre Wohnung und fragte ſie:Meine Liebe, was machſt du hier? Kann es anders gehen, als daß der Koͤnig aus dem Reiche vertrieben und wir Engliſch werden? Johanna antwor⸗ tete:Ich bin hierher gekommen in des Königs Stadt, damit Bandricourt mich zum König führe oder führen laße; aber er kümmert ſich nicht um mich und was ich ſage. Und doch muß ich vor Mitt⸗ faſten beim Könige ſein, müſte ich mir auch die Beine bis an die Kniee ablaufen. Denn nie⸗ mand in der Welt, weder Könige, noch Herzöge, noch des Schottenkönigs Tochter), oder ſonſt jemand vermag Frankreich wieder zu erobern. Der Köͤnig hat keine andere Hülfe, als von mir. Freilich ſäße ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrade, denn dergleichen iſt nicht meines Thuns; aber es iſt ein Muß, daß ich gehe und dies vollführe, denn mein Herr will, daß ich es thue. Wer iſt dein Herr?Gott iſt mein Herr. Dieſe Rede machte ſolchen Eindruck auf Johann von Metz, daß er der Jungfrau bei ſeiner Treue in die Hand verſprach, er wolle ſie unter Gottes Beihülfe zum Koͤnige bringen. Auf ſeine Frage, wann Johanna abzureiſen wünſche, erwiederte ſie:Lieber jetzt, als morgen, und lieber morgen als ſpäter ³0. Hat Bertrand von Poulengy dieſer Unterredung nicht beigewohnt, ſo hat er bald darauf gemein⸗ ſchaftlich mit Johann von Metz der Jungfrau den Vorſchlag gemacht, ſie zum Könige zu ge⸗ leiten 3. So kam ihr bereits als Antrag von angeſehenen Männern entgegen, was ſie gegen viele als ihr heißeſtes Verlangen geäußert hatte: daß einige ſich finden möchten, welche ſie zum Dauphin brächten zum gröͤßten Heil deſſelben 52, und wenn Johanna auf das Anerbieten der beiden Männer nicht ſofort einging, ſo that ſie dies deshalb, weil ſie einestheils mit richtigem Takte erwog, daß ſie ohne einen Empfehlungsbrief des Commandanten in der Heinit keine günſtige Aufnahme beim Könige zu erwarten habe, und anderentheils an der Zuſicherung ihrer Heiligen feſthielt, daß Baudricourt ſeinen Starrſinn zuletzt noch brechen werde. Das Veiſpiek ſolcher Leute wirkte mächtig auf die öffentliche Meinung ein. Der Glaube verbreitete ſich immer mehr, Johannas Sendung ſei eine Gnade Gottes, der heilige Geiſt regiere ſie 23. Dieſer Glaube war natürlich eine indirecte Anklage gegen die Hartnäckigkeit des Befehlshabers und Bandricvurt ſah endlich ein, daß es nicht rathſam ſei, der allgemeinen Stimme noch länger bloße Gleichgültigkeit entgegenzuſtellen. Sei es nun, daß er durch einen feierlichen Act die Jungfrau ein für allemal zurückzuſchrecken und dem Glauben des Volkes an ihre göttliche

endung durch die Auctorität der Kirche Halt zu gebieten hoffte, oder ſei es, daß ihm ſelbſt daran gelegen war, Gewisheit zu erhalten, ob Johanna unter dem Einfluß guter oder böſer Geiſter ſtehe: er bewog den Pfarrer der Hauptkirche, Johann Fonrnier, fich in d Baſe mit ihm in Johannas Wohnung zu begeben und in ſeiner Gegenwart einen förmlichen Beſchwö⸗

5. Man ging mit dem Plane um, Karls VII. Sohn Ludwig mit Margareta von Schottland zu ermählen. 3*