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Wachſamkeit der Eltern entkommen? Eine Liſt brachte zum Ziele*. Johanna begab ſich, wahr⸗ ſcheinlich die Gelegenheit einer Wallfahrt nach der Marienkapelle benutzend⸗), nach Burey-Le⸗⸗ Petit zu ihrem mütterlichen Oheim, Durand Laxart, und ſprach demſelben den Wunſch aus, eine kurze Zeit in ſeinem Hauſe zu ſeins. Um die Einwilligung der Eltern zu erwirken, möge er ſelbſt nach Domremy kommen. Laxart gern bereit erlangte die Erlaubnis der Eltern und nahm Johanna mit nach Petit⸗Burey*. Hier offenbarte ſie dem Oheim ihre Abſicht nach Frankreich zu gehen, um dem Dauphin zum Beſitze ſeiner Krone zu verhelfen. Zu dem Zweck, fügte ſie hinzu, muß ich zuvörderſt nach Vaueouleurs, damit der Commandant Robert von Baudricourt mich nach dem Orte führen laße, wo ſich der Dauphin befindet. Das war es, was ihr die Stimmen befohlen hatten. Doch nicht auf dieſe berief ſich Johanna, um Glauben bei dem Oheim zu erwecken, ſondern auf die Weiſſagung, daß Frankreich durch ein Weib werde zu Grunde gerichtet und ſpäter durch eine Jungfrau wieder hergeſtellt werden. Dieſe Prophe⸗ zeiung und Johannas Begeiſterung verfehlten ihre Wirkung nicht. Laxart war ſchnell und ſo völlig gewonnen, daß er Johanna ſchon nach acht Tagen, ohne Vorwißen ihrer Eltern, nach Vauconleurs begleitete und das Gelingen ihres Planes auf jede Weiſe förderte ¹0. Die Ankunft beider in Vouconleurs fällt, wenn nicht ſpäter, als der Beginn der Be⸗ lagerung von Orleans, doch ſchwerlich früher, als die Eröffnung der Feindſeligkeiten gegen die um Orleans liegenden Plätzens. 6*2 3 1 16
weggeſetzt hat, beweiſt ihr Ausſpruch: Lieber hätte ich mich von Pferden zerreißen laßen, als daß ich ohne Vollmacht von Gott nach Frankreich gegangen wäre, 0. I, 74. 242.— Wie die ganze Jungfrau von Orleans eine Ausnahme iſt von der Regel, ſo ſind auch ihre Entſchlüße nur aus dieſem Geſichtspunkte zu betrachten. Sie hielt die ihr erſcheinenden Engel und Heiligen für un⸗ mittelbare Boten Gottes; befahlen ihr dieſe, was dem Geſetze in der heiligen Schrift widerſprach, ſo hatte ſie die unbedingte Gewähr, daß das Geſetz in dem beſonderen Falle für ſie aufge⸗ hoben war. Sie wäre in ihren Augen des Herrn nicht werth geweſen, häcte ſie nicht um ſeinet⸗ willen Vater und Mutter, auch wider deren Willen, verlaſſen können. Sie glaubte Gott mehr zu gehorchen, als den Menſchen, indem ſie den Vorſchriften der Engel gehorchte. Wer ſich in ihren Anſchauungskreis verſetzt, wird darüber nicht mit ihr rechten. Aber das Mittel, das ſie zur Erreichung des Zweckes gebrauchte, die Täuſchung der Eltern! Wie ſie ſelbſt ſagt, hatten es die Stimmen ihr ganz anheim gegeben, ob ſie die Eltern von der Abreiſe unterrichten wollte oder nicht, ſie waren es aber wohl zufrieden,(ſ. Anm. 3.) Warum alſo hat ſie nicht den Muth der Wahr⸗ heit gehabt und den Eltern alle ihre Geheimniſſe anvertraut, ſeſt an dem Glauben haltend, daß Gott, der ihre Abreiſe wollte, ihr auch die Wege bereiten würde, ohne ſeine eigene Ordnung zu verletzen? Furcht vor dem Zorne des Vaters. Vielleicht war er, grade durch Darlegung der vollen Wahrheit zu beſänftigen, wo nicht, ſo hatte ſie auf weitere Befehle von ihren Stimmen zu warten. Hier miſcht ſich menſchliche Schwachheit ein. Loben wir nicht, was nicht zu loben iſt, aber werfen wir keinen Stein auf ſie!
*) Anſprechende Vermuthung von Le Brun(I. 319). Bury-Le-Petit, wo Laxart wohnte(0. II. 431. 443.), lag nämlich nicht fern von der Marienkapelle zwiſchen Domremy und Vaucouleurs.
*) Johanna ſetzt ihre Abreiſe von Domremy in Verbindung mit der Belagerung von Orleans 0. I, 53: Vox dicebat quod veniret in Franciam——— quod levaret obsidionem, coram civitate Aurelianensi positam. Dixit ulterius vocem prafatam sibi dixisse, quod ipsa Johanna iret ad Robertum de Baudricuria.... Dixit ultra quod ivit ad avunculum suum etc. Des⸗ gleichen Alain Chartier, Q. V, 132; Perceval von Boulainvilliers, V, 118;3 Philipp von Bergamo, IV, 523; Journal, IV, 118; Chronik der Jungfrau, IV, 205; Le Miroir, IV, 268; die Chronik V, 289. Dagegen ſagt Bertrand von Poulengy, 0. 11, 456, Johanna ſei um(circa) den Himmelfahrtstag(13. Mai 1428) nach Vaucouleurs gekommen. Daß aber Bertrand ſeiner Sache nicht ſicher iſt, deutet er gewißenhaft durch das beigefügte ut sibi videtur an. In 27
„Jahren(Bertrand deponierte zu Ende 1455 im Reviſionsprozeſſ) entſchwindet manches dem Ge⸗ dächtnis, die Zeiten leichter als die Thatſachen. Nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß das große Er⸗ teignis der Belagerung von Orleans der Jungfrau den letzten Anſtoß gegeben hat, um ſich zum


