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Aus triftigen Gründen hatte Johanna über ihre Viſionen geſchwiegen, obſchon die Heiligen ſie durchaus nicht zum Schweigen verpflichteten. Furcht vor den Burgundern und ihren Eltern ſchloß ihr den Mund. Von jenen wie von dieſen beſorgte ſie an der Abreiſe gehindert zu wer⸗ den, zumeiſt bangte ihr vor den Strafen, die ſie von ihrem Vater zu gewärtigen hatte 3. Dieſem hatte nämlich volle zwei Jahre nach Johannas erſter Viſion geträumt, ſeine Tochter werde mit Kriegsvolk von dannen ziehn. Der Traum hatte die Eltern in große Bekümmernis verſetzt, weshalb ſie Johanna mit beſonderer Sorgfalt und Strenge überwachten.„Wahrlich, ſagte Jacob d'Are zu ſeinen Söhnen, wenn ich glaubte, daß das geſchähe, ſo wollte ich, ihr ertränktet ſie, und thätet ihr's nicht, ich ſelber würde ſie ertränken.“ Johanna erfuhr alles das von ihrer Mutter 4. Was den Traum veranlaßt haben mag ſteht dahin. Daß der Vater ein Ahnungs⸗ vermögen beſeßen habe, ähnlich wie die Tochter, iſt nicht bekannt. Vielleicht ſind ihm unüber⸗ legte Aeußerungen der Johanna zu Ohren gekommen, woraus er Verdacht ſchöpfte. Thatſache iſt es, daß ſich Johanna gegen bekannte Perſonen einige Worte über ihr Vorhaben) hat ent⸗ ſchlüpfen laßen, welche zeigen, daß ſie die Zunge nicht genug im Zaume gehalten 5. Unmittel⸗ bar vor ihrer Abreiſe ſagte ſie zu dem Landmann Gexardin, dem einzigen Anhänger der Bur⸗ gunder in Domremy:„Gevatter, wäret ihr kein Burgunder, ich ſagte euch etwas.“ Gerardin meinte, es handle ſich um eine Heirath. Deutlicher ſprach ſie am Vorabend des Johannistages zu einem andern Landmann, Michel Le Buin:„Es gibt zwiſchen Couſſey und Vaucouleurs ein Mädchen, welches vor Ablauf eines Jahres dem König von Frankreich die Krone verſchaffen wird**). Im folgenden Jahre, ſetzte der Zeuge hinzu, ward der König in Reims geſalbt. Am beſtimmteſten drückte ſich Johanna gegen Waterin in Greux aus, dem ſie zu wiederholten Malen verſicherte, ſie würde Frankreich und das königliche Blut befreien***). Die beiden erſten Aeußerungen können der Zeit halber nicht auf jenen Traum des Jacob dArec eingewirkt baben, ob die letztere, iſt ungewis, da es an jeder Zeitbeſtimmung fehlt. Wie dem auch ſei, oviel dürfen wir aus jenen Herzensergießungen ſchließen, daß ſie nicht die einzigen geweſen ſind, und daß die Jungfrau ganz erfüllt war von der Idee ihres großen Vorhabens..
Der Ausführung deſſelben ſtanden nicht bloß die angeführten äußeren Schwierigkeiten, ſondern auch innere Hinderniſſe entgegen. Es war kein Leichtes für eine Jungfrau, die Schran⸗ ken der Sitte in ſo auffallender Weiſe zu burchbrechen. Schwerer war's, daß Johanna ſich mitten hineingeſtellt ſah zwiſchen das göttliche Gehot des Gehorſams gegen ihre Eltern, welches ſie bisher treulich beobachtet hattes, und das direct an ſie ergangene Gebot Gottes, Frankreich zu retten x). Dem Anſcheine nach blieb ihr nur die Wahl, das eine oder das andere zu ver⸗ letzen. Johanna glaubte ſich durch das zweite Gebot von dem erſteren entbunden und faßte in der Ueberzeugung, daß der ihr aus Engelsmunde kundgewordene Gotteswille unbedingte Folg⸗ ſamkeit heiſche, den Entſchluß, das Vaterhaus um jeden Preis zu verlaßen y). Aber wie der
*) Nicht über die Viſionen, wonach 0. I, 128 gefragt wird.
*) Couſſey liegt füdlich, Vaucouleurs nördlich von Domremy. 3..
***) Der Edelmann Gottfried du Fay bezeugt, Q. II, 442: quod audivit ipsam Puellam loqui plu- ries; et ipsa dicebat quod volebat ire ad Franciam. Ob er dieſe Worte in Vaucouleurs, wo er ſich befand, als Johanna mit ihren Gefährten nach Chinon aufbrach, von der Jungfrau ge⸗ hört hat, oder ob Johanna ihm dieſelben bei mehrmaligen Beſuchen in Maxey(0. J. l. Super IV.), ſeinem Wohnorte, geſagt hat, wie Le Brun vorausſetzt, will ich nicht entſcheiden. Wahrſcheinlich iſt mir das erſtere. Iun 4 19 2 21 2
x) Daß Johanna in der Heirathsangelegenheit, welche in Toul entſchieden wurde, dem Wunſche ihrer Eltern nicht willfahret habe, erklärt ſie ſelbſt, Q. 1, 131. 5 sq. 9 u. 219, mit dem Bewuſtſein recht gethan zu haben. 4 2,
-) Auf die Frage der Richter, ob ſie geglaubt habe, eine Sünde zu begehen, als ſte Vater und Mutter verlaßen habe, antwortet Johanna: Nachdem es Gott befahl, muſte es geſchehen; hätte ich hundert Väter und Mütter gehabt und wäre des Königs Tochter geweſen, ich wäre gleichwohl weggegangen, 0. I, 129. Daß ſie ſich nicht leichtfertig über die entgegenſtehenden Rückſichten hin⸗


