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2 (1858)
Entstehung
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Zweiter Theil. Chaten der Johanna d'Arc.

J. Abſchnitt.

Von der Abreiſe der Johanna aus Domremy bis zur Krönung Karls VII. in Reims.

§. 1. Johannas Abſchied von Domremy, Aufenthalt in Vancouleurs, Reiſe nach Chinon.

Das Jahr 1428 bildet den zweiten Hauptwendepunkt im Leben der Johanna. Die Been⸗ digung des Streites zwiſchen den Herzögen von Gloceſter und Burgund gab dem Herzog von Bethford freien Spielraum, den Krieg mit aller Kraft fortzuſetzen. Es galt nunmehr den letzten Widerſtand im Norden des Reiches zu brechen, damit der Angriff auf die Südprovinzen mög⸗ lich und die Unterwerfung Frankreichs vollendet würde. Zu dem Ende ſollten mächtige Schläge gegen Orleans, das Thor des Südens, und gegen Vaucouleurs im Thale der oberen Maas geführt werden. Im Monat Juli begann Graf Palisbury den Feldzug gegen die feſten Plätze in der Umgegend von Orleans und gleichzeitig hielt Anton von Vergy zu Saint-Urbain Muſte⸗ rung über die Truppen, womit er gegen Vaucouleurs vorrücken ſollte. Daß der bevorſtehende Kampf das Schickſal Frankreichs entſcheiden würde, lag am Tage, und jedes Herz, das für Fürſt und Vaterland in Liebe ſchlug, muſte mit fieberhafter Spannung die kommenden Ereigniſſe erwarten. Und Johanna, deren Patriotismus nicht ſeines Gleichen hatte? Auf ihr laſtete ein ungeheurer Schmerz ſowohl um die engere Heimat, als das ganze heilige Frankreich. Und mitten in dieſem Doppelſchmerze ſtand ſie ohne Berather, ohne Vertrauten mit ihrem großen Geheimnis allein! Denn gegen niemand, nicht einmal gegen ihre Eltern oder gegen den Pfarrer des Dorfes hatte ſie auch nur das Geringſte über ihre Engel⸗ und Heiligenerſcheinungen ge⸗ äußert!. Dieſer Zuſtand wurde für Johanna je länger je mehr zu einer unerträglichen Pein. Nicht leicht verging ein Tag, ohne daß die Kunde von einem neuen Unfall Frankreichs ihre Seele erſchütterte. Und je verhängnisvoller die Lage des Vaterlands ſich geſtaltete, je erſchrecken⸗ der die Maſſe des Unglücks ſich mehrte, deſto häufiger und drängender wurden die Stimmen, deſto lauter riefen ſie zur Thatz. So wurde Johanna von innen wie von außen mit unwider⸗

ſtehlicher Gewalt auf den einen Punkt hingedrängt, der ihres Lebens große Anigabf war.