Druckschrift 
1 (1857)
Entstehung
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Thaten, über welche der Teufel nie Macht gehabt hat 220. Gott, in deſſen Namen alles geſchehen iſt, was ſie gethan und geredet hat, iſt auch ihr alleiniger Richter. Ihm, dem König Himmels und der Erde, der Jungfrau Maria, allen Heiligen des Paradieſes und der triumphierenden Kirche in der Höhe unterwirft ſie ſich in allem, was ſie ſeither gethan hat und in's künftige thun wird. Auf Gott beruft, bezieht, trügt ſie ſich, ſtellt ihm alles anheim 221. Niemand ſonſt ſie ver⸗ antwortlich, keiner Macht auf Erden zur Rechenſchaft verpflichtet 222. Und kein Wort, keine That kann ſie widerrufen, denn ſie ſind ſämmtlich in Gott gethan, ſelbſt dann nicht, wenn ſie in den Flammen des Scheiterhaufens ſtände, oder auf der Folter zu Tode gemartert würde. Lieber ſterben, als widerrufen. Wäre ſie gleichwohl ſchwach genug, irgend etwas zurückzuneh⸗ men, ſo würde ſie nachher immer ſagen, man habe ſie mit Gewalt dazu gezwungen ²23. Hat ſie doch nie etwas wider Gott und den chriſtlichen Glauben gethan und geredet 224. Ob noch ſchwereres Ungemach ihrer warte, weiß Johanna nicht, das aber weiß ſie: Gott wird bei ihr ſein. Zum Aeußerſten wird er es nicht mit ihr kommen laßen ²25. Und wenn ſie nur ſtand⸗ haft ausharrt 226, wenn ſie nur nach wie vor aus Gottes Hand annimmt, was er über ſie verhängt ²27, dann wird Gott, der ſie durch ſeine Engel und Heiligen ſtets ſo treu geführt 228, auch fernerhin ihr Helfer ſein 229. Er, der ſie nie verließ, wird ſie auch künftig nicht verlaßen, ein Wunder wird er thun 230, durch einen großen Sieg*) Johanna befreien ²31 und ſie endlich auf⸗ nehmen in das Himmelreich des Paradieſes ²32.

Der ganze viſionäre Zuſtand des Mädchens von Domremy hat ſeine Wurzel in der aufs höchſte geſteigerten Kraft eines Glaubens, der das, was er glaubt, ſo zweifellos glaubt, als ſähe er es, und das, was er hofft, mit ſolcher Zuverſicht hofft, als hätte er es ſchon. Dieſer ſtarke, bis zur Ekſtaſe fortgehende Glaube der Jungfrau iſt der Mittelpunkt, aus dem ihre ganze gei⸗ ſtige Individualität, ihr geſammtes Wirken und Verhalten begriffen ſein will. Denn wie vom Herzen, dem Herde des leiblichen Daſeins, aus die Kraft des Lebens als warmer Blutſtrom alle Theile des körperlichen Organismus bildend und geſtaltend durchgeht, ſo erhält vom Glau⸗ ben, der innerſten Grundkraft der Seele, das ganze geiſtige Weſen des Menſchen ſern eigenthüm⸗ liches Gepräge, ſeine individuelle Beſtimmtheit. Der Menſch iſt ſein Glaube.

Aus dem Glauben der Johanna erklaͤrt ſich zunächſt die ungemeine Tiefe und ſpe⸗ cifiſche Form ihres Patriotismus. Wahrhaft glauben heißt dem eigenen Willen ſter⸗ ben, um dem göttlichen zu leben in Gedanke, Wort und That, und erſt aus dieſer Fntuher uns vom Egoismus entſpringt die Kraft einer Liebe, welche Himmel und Erde umfaßt, entſpringt die rechte Liebe auch zu der irdiſchen Heimat, welche nicht der blinde Zufall, ſondern Gott der Herr gibt für die Zeit, wie den Himmel für die Ewigkeit. Dagegen lehrt die Geſchichte auf jedem Blatte, daß mit dem Glauben auch der echte Patriotismus zu Grabe geht, um der ſchran⸗ kenloſen Selbſtſucht Platz zu machen, und daß, wer keinen Gott hat, auch das Vaterland nicht liebt, wie er ſoll. Johannas Patriotismus, den ihr Gottes Fügung mit in die Wiege gab, wuchs durch die Gefahren, welche das Vaterland bedrohten, je länger je mehr zu ſeltener Höhe empor, die Reife und Weihe der Vollendung erhielt er unter dem Gluthſtrahl der Glaubensbe⸗ geiſterung. Nur in dem Glauben: Gott will es! vermochte dehuns Vater, Mutter, Geſchwi⸗ ſter, alles zu verlaßen, was ihr daheim theuer war; nur in dieſem Glauben die Schranke kühn zu durchbrechen, welche Stand und Geſchlecht um ſie zog, mit einem Worte: Nur als Send⸗ botin des Himmels konnte ſie die Rettungsthat des Vaterlandes wagen und vollbringen.

Sünde hinreißen laßen zu thun, was mein beßeres Ich nicht gewollt. Johannas Aeußerungen über die wenigen Fälle ihres Ungehorſams laufen auf dieſe Erkläͤrung hinaus. Dem förmlichen Widerrufe, den ihr die Angſt vor dem Feuertode ausgepreßt hatte(G. I. 456.457. 458), folgte die Reue auf dem Fuße, und ein kräftiges Bekenntnis zu allem, was ſie früher ausgeſagt hatte, ver⸗ ſiegelte auf's neue die Wahrhaftigkeit der Thatſachen. 131 *) Ueber das Wie dieſes Sieges hat ſie ſich getäuſcht. 5 5