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Wie über die Geſtalt der Heiligen, ſo erhalten wir auch über die Umſtände, welche das Höoͤren und Verſtehen ihrer Stimmen begünſtigten oder verhinderten, nur ſpärlichen Aufſchluß. An der Heil quelle bei Domremy haben Katharina und Margareta mit Johanna geredet 170. Oefters muß Johanna die Stimme der Heiligen in Wäldern vernommen haben, denn ſie ſpricht ihren Richtern die Ueberzeugung aus, daß wenn ſie in einem Walde wäre, ſie dieſelbe hören würde 171. Vorzugsweiſe war das Geläute der Glocken der Wahrnehmung der Stim⸗ men förderlich 7²2. Wir erſehen daraus, daß gleichmäßiges, abgemeßenes, anhaltendes, doch nicht zu ſtarkes Getön, wie das Murmeln eines Baches, das Rauſchen des Windes in den Baum⸗ blättern, der in regelmäßigen Zwiſchenräumen wiederkehrende Schall der Glocken mit ſeinen nach⸗ zitternden Schwingungen, dieſem geſangreichen Nachhall, wodurch das Ohr wie in eine Fluth von Klängen eingetaucht wird, das Vernehmen der Stimmen begünſtigten. Ich ſage begünſtig⸗ ten, denn keineswegs bedarf es zum Hören der Stimmen dergleichen Förderungsmittel. Wirres, wüſtes Getöſe, lärmendes Geräuſch dagegen hindert das deutliche Verſtändnis 173. Auch unmit⸗ telbar nach dem Erwachen verſteht Johanna nicht alles, wenn ſie, wie das wohl geſchieht, von der Stimme aus dem Schlafe geweckt wird. Es bedarf dann erſt einiger Sammlung, bis ſie die Worte deutlich auffaßt 174. Wenn ſtörende Einflüße fern blieben, dann unterſchied Johanna genau die Stimme des Erzengels Michael und Gabriel ſo wie einerjeden der beiden Heiligen 175.
Beßer unterrichtet ſind wir über die Frage, wie oft Johanna ihre Stimmen gehört habe. Augenſcheinlich kamen dieſelben anfangs ſeltener und in größeren Zwiſchenräumen, im Lauſe der Zeit aber mehrten ſie ſich und nahmen in demſelben Verhältniſſe zu, in welchem die Lage des Staates gefährlicher, der Antheil der Heldin an den Kriegsereigniſſen bedeutender und das Schick⸗ ſal der Jungfrau verhängnißvoller wurde. In der letzten Zeit ihres Aufenthaltes in Domremy hörte Johanna zwei bis dreimal in der Woche den mahnenden Ruf der Stimmen, nach Frankreich aufzubrechen 176, In Vaucouleurs und auf der Reiſe nach Chinon ließen ſich die Stimmen ebenfalls häufig vernehmen 177. Während des ganzen thatenſchweren Jahres, wo Jo⸗ hanna die Seele der geſammten Kriegführung, die Triebfeder jeder Kraftentfaltung war, hat ſie nach eigener feierlicher Verſicherung nichts gethan, worüber ihr nicht zuvor eine Kund⸗ gebung von oben geworden wäre 178. Wir haben in dieſem einen Worte, welches die Erzäh⸗ lung der Begebenheiten nach allen Seiten hin beſtätigen wird, einen untrüglichen Maßſtab der Beurtheilung, wie lebendig der Verkehr der Jungfrau mit ihren Heiligen geweſen, wie oft ſie Anweiſungen und Befehle zum Handeln von ihnen empfangen, wie oft ſie ſich Rath bei ihnen erholt und Beiſtand von ihnen erbeten haben müße. Vollends in dem qualvollen Zwiſchenraume von der Gefangennehmung an bis zum Feuertode, wo die Drängnis je länger je mehr wuchs, erhält Johanna täglich, ja an manchen Tagen ſogar dreimal Troſt, Stärkung, Ermuthi⸗ gung 179, Verhaltungsregeln, Unterweiſungen, wo ſie den Richtern begegnen, was ſie ant⸗ worten, was ſie verſchweigen ſoll, von ihren jeden Augenblick zur Hülfleiſtung mit Wort und That bereitwilligen Schutzgeiſtern. Sogar die Beichte nehmen ſie ihr ab, welche die Harther⸗ zigkeit der Richter ihr verſagte 1so. Solches Beiſtandes fühlt ſich Johanna gar ſehr bedürftig, ohne denſelben wäre ſie längſt des Todes 181. Aber treu ſind die Heiligen, nie haben ſie ihre Pflegebefohlene im Stiche gelaßen, ſo oft dieſe ihrer benöthigt war 182.
Oft kommen die Heiligen ohne underuh zu ſein, ganz von ſelbſt. Kommen die Heiligen von ſelbſt und Johanna bedarf des Rathes, ſo bittet ſie die heilige Katharina, Gottes Rath ein⸗ zuholen, worauf Katharina und Margareta Gott die Bitte vortragen und ſodann nach deſſen Vorſchrift der Jungfrau Antwort ertheilen. Kommen die Heiligen nicht von ſelbſt, ſo bittet Jo⸗ hanna in Fällen. wo ſie des Rathes und der Stärkung bedarf, Gott und die Jungfrau Maria, ihr die Heiligen zu ſenden. Sie thut das etwa in folgender Weiſe:„Sehr milder Gott, zu
über ihre Viſionen ſpricht, einen Schluß machen, ſo waltete die Wahrnehmung durch Ohr und Auge unbedingt vor, das Ohr war noch öfter betheiligt als das Auge, Geruch und Gefühl mögen ſeltener afficiret worden ſein.


