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1 (1857)
Entstehung
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Johannas frommer Sinn nahm frühzeitig eine patriotiſche Richtung. Geboren und auf⸗ gewachſen in einer Zeit, wo das Ungewitter des Krieges ſich am ſchwärzeſten über Frankreich zuſammenzog, vernahm ſie ſchon in jungen Jahren den Nothſchrei des Vaterlandes. Wohl war ſie dem Schauplatze der Begebenheiten ſo weit entrückt, daß ſie nicht unmittelbar von den Greueln derſelben berührt wurde; allein die Erſchütterungen der Kriegsereigniſſe waren ſo gewaltig, daß ſie in den entfernteſten Winkeln Frankreichs nachgefühlt wurden. Ueberdies war die Parteiwuth bereits ſo tief in alle Schichten des Volkes eingedrungen, daß ſie ſogar die Kinder in feindſe⸗ lige Kreiſe ſpaltete. Gerade die Heimat der Johanna liefert dazu ein Beiſpiel. In Domremy war nämlich Jung und Alt königlich geſinnt, mit Ausnahme eines Einzigen. Das benachbarte Dorf Maxey dagegen hielt es mit den Burgundern. Infolge deſſen zogen die Kinder beider Dörfer in Schaaren aus, um einander förmliche Schlachten zu liefern, aus denen ſie mit blu⸗ tigen Köpfen heimkehrten. Daß Johanna mit ganzem Herzen auf ihres Königs Seite geſtan⸗ den, hat ſie vor den Richtern mit rückhaltloſer Aufrichtigkeit bekannt und kein Hehl daraus ge⸗ macht, ſie habe gewünſcht, daß jenem einzigen Anhänger der Burgunder in ihrem Dorfe der Kopf abgehauen würde, ſofern es Gottes Wille wäre. Doch erinnerte ſie ſich nicht, an jenen Fehden Theil genommen zu haben 107. Während andere Kinder ihrem Parteihaß durch Thät⸗ lichkeiten Luft machten, ſuchte Johannas frommer Sinn Hülfe bei Gott und ſeinen Heiligen. Die Altäre waren ihre Zuflucht, an ihnen hauchte ſie Schmerz und Sehnſucht in Gebeten aus. Je länger die Rettung verzog, je klarer die Thatſachen zeigten, daß bei Menſchen keine Hülfe war, deſto mehr trieb das heiße Verlangen nach Hülfe Johanna zu dem Gotte, bei dem kein Ding unmöͤglich iſt. Wie oft mag ſie an heiliger Stätte um die Sendung eines rettenden En⸗ gels für das bedrängte Vaterland gefleht haben! So verſchmolz Johannas Frömmigkeit mit ihrer Liebe zum Vaterlande und drückte dieſer von vorn herein das Siegel göttlicher Weihe auf, andererſeits muſte die patriotiſche Begeiſterung ihr Gemüth zu immer tieferer Andacht ſtimmen. Von der Maſſe des Unglücks, das ſie überall umſtanden, in ſich ſelbſt gedrängt, und auf ſich ſelber angewieſen und doch bei ihrer Schwäche keine Hülfe findend, muſte ſie ſich gedrungen fühlen, dieſe bei einer höheren Macht zu ſuchen, und an ihr ſich zu erheben und aufzurichten. So ſtieg in ihr, was ſonſt wohl in jenem Alter in vielen Adern ſich in die umgebende Welt verſtromt, in einen Strahl geſammelt, gerade auf zur Höhe und ihre Jugend gewann jenen ge⸗ haltvollen Ernſt bei friſcher Wärme, die ſie ſo eigenthümlich bezeichnet*). Es gehört zu ihrer

bevor ihr die Engel erſchienen, war der Wald mit ſeiner Sage für Johanna ein ſtummer Prediger deſſen, was als Grundtrieb in ihrer Seele lag. Sie glaubte und ſah mit jedem Blick, den ſie vom Felde oder Hauſe aus nach dem Walde und der Marienkapelle that, in der Natur wie in einem Spie⸗ gel die große Doppelſeite ihres Ich: Dienſt Gottes und Rettung des Vaterlandes. Späterhin aber, als die Erſcheinungen der Engel begannen, nahm Johanna zu der Sage eine veränderte Stel⸗ lung ein. Vor der Stimme der Engel trat die Prophezeiung allmählich wie der Morgenſtern vor dem Lichte der Sonne unſcheindar zurück, ſie ſank in Johannas Augen zur Bedeutungsloſigkeit herab und diente ihr in Voucouleurs nur als Mittel zum Zweck. Uebrigens waren damals, wie oft in Zei⸗ ten, wo entſcheidende Ereigniſſe mit Spannung und Bangigkeit erwartet werden, gar manche Pro⸗ phezeiungen im Umlauf, welche ſpäter ebenfalls auf Johanna gedeutet wurden, unter andern die der Maria von Avignon, G. III, S3 sq.(Barbin): Et in illis deliberationibus quidam magister Erault, sacrae theologiae professor, retulit quod ipse alias audiverat dici a quadam Maria d'Avignon, quae pridem venerat apud regem, cui dixerat quod regnum Franciae habebat multum pati, et plu- res sustineret calamitates, dicendo ulterius quod ipsa habuerat multas visiones tangentes desola- tionem resni Franciae, et inter alia videbat multas armaturas quae eidem Mariae praesentabantur; ex quibus ipsa Maria expavescens timebat ne cogeretur illas armaturas recipere; et sibi fuit di- ctum quod non timeret, et quod ipsa non deferret eiusmodi arma, sed quaedam Puella, quae veni- ret post eam, eadem arma portaret et regnum Franciae ab inimicis liberaret. Et credebat firmiter duod ipsa Johanna esset illa de qua ipsa Maria d'Avignon fuerat locuta.

9 5 Füires in der Vorrede zu dem Werke: Die Jungfrau von Orleans, von G. Görres, Regens⸗ urg. O(dn