22
gelegen, die Sage wäre ebenſo ſpurlos an ihr vorübergegangen, wie an Tauſenden, welche ſie ebenſo gut gekaunt haben und doch nicht zu Helden der Freiheit geworden ſind. Daß aber die Sage nicht ohne Einfluß auf Johanna geblieben, ſondern eine Weckſtimme für ſie geworden iſt, unterliegt ſchwerlich dem Zweifel. Wenn das Außerordentliche werden ſoll, müßen bisweilen geringfügige Dinge dem göttlichen Weltplane dienen, das unſcheinbar Kleine iſt oft von provi⸗ denzieller Bedeutung geweſen. Bei einem Weſen, welchem mit dem Berufe, dereinſt das Vater⸗ terland zu befreien, auch die Empfänglichkeit für alles eingeboren war, was irgendwie mit die⸗ ſem Berufe im Zuſammenhang ſtand, muſte die Prophezeiung leicht Eingang finden. War ſie ja doch nichts anderes, als der äußere Wiederſchein deſſen, was als tiefſtes Sehnen und ur⸗ ſprünglichſter Trieb in Johannas Innerem lag, Glaubte ſie aber an dieſelbe, ſo war es ihrer frommen Gemüthsrichtung durchaus gemäß, wenn ihr die Prophezeiung im Lichte einer göttli⸗ chen Botſchaft und Verheißung erſchien. Von da bis zu der Ueberzeugung: Ich bin die Er⸗ korene, iſt allerdings ein großer Schritt, und der Jungfrau, welcher jene Miſſion aufbehalten war, muſten ſtärkere Impulſe, höhere Vollmachten und Bürgſchaften zu Theil werden, als die Sage an und für ſich geben konnte. Johanna beſaß dieſelben in ihren Viſionen. Und was ſind dieſe anders, als dieſelbe Botſchaft Gottes ausſchließlich an Johanna gerichtet, welche in der Sage ganz allgemein gefaßt war?*)
*) Quicherat(Aperc. p. 8) hält die Sage, auf welche man in Chinon und Poitiers anſpielte, für dieſelbe, welche in Domremy verbreitet war, und worauf ſich Johanna bei ihrem Oheim und in Voucouleurs bezog. In folgenden Stellen wird die erſtere erwähnt: O. I, 68(Johanna): Dicit quod est ibi unum nemus quod vocatur Nemus-quercosum, gallice le Bois-chesnu etc. Item ulterius dicit quod, quando ipsa venit versus regem suum, aliqui petebant sibi an in patria sua erat aliquod nemus quod vocaretur gallice le Bois-chesnu, quia erant prophetiae dicentes quod circa illud nemus debebat venire quaedam puella quae faceret mirabilia, Sed dixit ipsa Johanna quod in hocnon adhibuit fidem. Statt Bois-chesnu, nemus quercosum, findet ſich I, 213 im VI. Artikel der requesta promotoris: Nemus-canutum(Bois-chenu), wozu Quicherat bemerkt: Il y a ici équivoque. L'accusée a dit dans l'interrogatoire du 24 février (p. 68) que le bois qu'on voyait de la porte de sa maison s'appelait, non pas le Bois-chenu, mais le Bois-chesnu, Quercosum nemus,— Q. III, 15(Dunois): Post quindecim dies a tem- pore quo dominus comes de Suffolk effectus est prisionarius eius, in captione de Jargueau, fuit transmissa dicto comiti de Saffolk una schedula papyrea, in qua continebantur quatuor versus, facientes mentionem quod una Puella ventura est du Bois-Chanu, et equitaret super dorsum arcitenentium, et contra ipsos. 75(Thibault): Dicit ulterius quod audivit dici dicto defuncto domino confessori quod viderat in scriptis quod debebat venire quaedam Puella, quae debebat juvare regem Franciae. 133(Migiet): Alias in quodam libro antiquo, ubi recitabatur prophetia Merlini, invenit scriptum quod debebat venire quaedam puella ex quodam nemore canuto, de partibus Lotharingiae, Vergl. III, 339 sq. IV, 305, 480 sd. V, 12. Ich glaube mit Haſe(S. 14), daß die Sage von der Jungfrau, welche ex nemore canuto, de partibus Lotharin- giae kommen ſollte, erſt in Chinon und Poitiers der Johauna zu Ohren gekommen iſt. Ich halte es ſogar für möglich, daß erſt das Erſcheinen einer Jungfrau zur Hülfe des Königs, in deren Heimat ſich ein Bois-chesnu befand, Urſache geworden iſt, ſich der Puella ex Nemore-Canuto des Zauberbuchs zu erinnern und die Merlinſage auf Johanna zu übertragen. Wegen Mangelhaftigkeit der Quellen läßt ſich darüber nicht mit Gewisheit entſcheiden. Gegen die von Quicherat angenommene Einheit der Sagen ſprichl namentlich die Verſicherung der Johanna, I. 68: quod in hoc non adhibuit fidem; indem dieſe Aeußerung im Widerſpruch damit ſtehen würde, daß ſich Johanna auf die(in ihrer Heimat ver⸗ breitete) Sage berufen hat. Doch ließe ſich die Schwierigkeit immerhin löſen, ohne daß man daran zu den⸗ ken brauchte, Johanna habe ihren Richtern die Unwahrheit geſagt. Es könnte ſein, daß Johanna die Sage,
ohne ſelbſt Werth auf dieſelbe zu legen, nur deshalb erwähnt hätte, um ihrem Oheim und den Leuten in Voucouleurs leichter Glauben einzuflößen. Damit wäre ein wirklicher Einfluß der Sage auf Johanna keineswegs ausgeſchloßen. Man könnte ſich das Verhältnis der Johanna zu der Sage nach den verſchiedenen Stufen ihrer Entwickelung etwa folgendermaßen denken: In ihrer Jugend und


