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kniete, ſo tief ins Herz, daß ſie in ihrer Innenwelt zu lebendigen Geſtalten wurden. Und dieſe Heiligen, nicht Dämonen, ſind es, die ihr als Boten Gottes auch vor die äußeren Sinne tra⸗ ten, als die in ihr lebendigen Geiſter des Glaubens und des Rechtes durch die verzweifelte Lage des Vaterlandes für ſie zu Stimmen und Geſichten wurden. Begeiſtert von den erhabenen, zu Engeln und Heiligen verkörperten Ideen göttlichen Rechts und goͤttlicher Ordnung, beſeelt von den hochherzigſten Geſinnungen der Treue und Liebe trat ſie nicht in eignem, ſondern in Gottes Namen für Frankreichs Befreiung in die Schranken und einigte die beſten Kräfte ihres Volkes in dem Glauben, Gott werde ſich an König und Vaterland durch eine große Gnadenthat ver⸗ herrlichen. So hat ſie ihrem Volke die nationale Selbſtändigkeit unter dem angeſtammten Herr⸗ ſcher bewahrt, ihrem Könige Krone und Reich gerettet und für dieſes göttliche Werk nie mit Künſten der Finſternis geſtritten, ſondern ſtets mit Waffen des Lichts gekämpft. Den Aber⸗ glauben hat ſie ſtets mit Widerwillen von ſich geſtoßen, ſo oft ſie auf ihrer Kriegerbahn damit in Berührung kam. Leute, welche ihre Wunde beſprechen wollten und ſofortige Heilung verhie⸗ ßen, wies Johanna mit den Worten zurück, das ſei Sünde und lieber wolle ſie ſterben, als un⸗ ſern Herrgott durch Zauberei beleidigen ⸗»s. Als Weiber Roſenkränze und Kerzen brachten, wel⸗ che Johanna berühren ſolle ſagte dieſe lächelnd zu ihrer Hauswirthin, ſie möge dieſelben be⸗ rühren, es werde eben ſo gut ſein 99. Von Amuletten hat ſie nichts gehalten 100, nie mit ihren Ringen Kranke heilen zu können geglaubt 101, die Hoffnung des Sieges nicht auf ihre Fahne, ſondern allein auf den Herrn geſetzt 102, ihren Soldaten nicht verſprochen, die Pfeile und Ku⸗ geln der Feinde aufzufangen 1¹03, überhaupt nie etwas gethan, was dem Aberglauhen Vorſchub geleiſtet hätte 1w4. Am wenigſten ließ ſie ſich aus Rückſichten des Nutzens von andern in Aber⸗ glauben verſtricken, wie der Vorfall mit der Katharina von La Rochelle beweiſt. Als nämlich der König in Geldperlegenheit war, kam dieſe mit dem beredten Mönch Richard zu Johanna nach Montfaucon und verſicherte, es erſcheine ihr allnächtlich eine weiße Frau in einem Gold⸗ gewand, welche ſie auffordere, vom Könige Herolde und Trompeter zu verlangen, um in den treuen Städten auszurufen, daß jeder ſein Gold und Silber abliefere, damit den Truppen der Sold bezahlt werde; wer dies nicht gutwillig thue, den werde ſie ausfindig machen und die ver⸗ borgenen Schätze zu entdecken wißen. Johanna wollte ſich überzeugen und legte ſich zu der Frau ins Bett. Sie wachte bis Mitternacht, und da die Geſtalt nicht kam, ſo r Johanna ein. Früh Morgens behauptete Katharina, die weiße Frau ſei wirklich erſchienen, Johanna aber habe ſo feſt geſchlafen, daß ſie nicht zu wecken geweſen wäre. Um beßer wachen zu koͤnnen, ſchlief Johanna am Tage. Oft fragte ſie während der Nacht, ob die Geſtalt komme, und erhielt jedesmal die Antwort: Ja, gleich. Am Morgen befragte Johanna ihre Heiligen*), um völlige Gewisheit zu erlangen, erklärte ſodann alles für eitel Trug und Alberuheit, ließ dies dem König ſchreiben und gab der Frau den Rath, nach Hauſe zu gehen und ihre Geſchäfte zu beſorgen ¹⁰5.
Es ging in Johannas Heimat die Sage, daß Frankreich durch ein Weib zu Grunde gerich⸗ tet und durch eine Jungfrau von den Marken Lothringens wioderhergeſtellt werden würde. Jo⸗ hanna hat dieſe Sage gekannt und ſich auf dieſelbe ſowohl bei ihrem Oheim, als in Voucou⸗ leurs berufen 1os. In dieſer Prophezeiung iſt der alte, ſpäter oft wiederholte Ausſpruch eines Kirchenvaters in Lyon, eine Jungfrau habe das Verderben, eine Jungfran das Heil über die Menſchheit gebracht**), wiederzuerkennen und zwar in einer beſtimmten, den Zeitverhältniſſen entſprechenden Ausgeſtaltung. Unter dem Weibe, welches Frankreich ins Verderben ſtürzen würde, verſtand jedermannn die Königin Iſabella, die rettende Jungfrau von den Marken Loth⸗ ringens ſollte noch kommen. Thorheit wäre es zu wähnen, daß Johanna durch dieſe Weiſſa⸗ gung zur Retterin des Vaterlandes geworden wäare. Hätte der hiſtoriſche Beruf nicht in ihr
*) Haſe, S. 78: Ihr kam's nicht in den Sinn, daß Andre nach dieſem Entſcheidungsgrunde über
ihre(der Johanna) Erſcheinungen ebenſo urtheilen könnten, weil ſie die Geiſter erlebt hat und ihrer gewiß iſt wie des eignen Ich., 15¼ 837n
**) Haſe, S. 13 u. 14.


