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mochten ſie Freunde oder Feinde ſein, und war ebenſo beſorgt für das Heil ihrer Seele, als für die Pflege ihres Leibes 28. Wer ſelbſt entbehrt oder entbehrt hat, wird leichter fremde Noth mitfühlen, als der, welcher im Schooße des Ueberflußes lebt oder unter der Bürde des bitteren Mangels ſeufzt, wo das Mitleid von dem Gefühle des eignen Elends verſchlungen wird. Die eigentliche Geburtsſtätte der Barmherzigkeit aber iſt die Liebe zu Gott, die mit der Menſchenliebe eins iſt. Johannas Erbarmen floß aus beiden Quellen*). Wie nuſte doch ein ſolches Herz erglühen, wenn es durch die Ungerechtigkeit der Feinde die theuerſten und höchſten Pfänder der Liebe gefährdet ſah!—
Johannas Chriſtenthum beſtand nicht in unkirchlicher Schwärmerei und ſelbſtgemachter An⸗ dächtelei, ſondern hielt ſich durchaus innerhalb der Formen des katholiſchen Kirchenglaubens und trug durchweg das Gepräge mittelalterlicher Frömmigkeit. Die Echtheit ihres Katholicismus, die Treue gegen ihre Kirche wird in den Acten des Reviſionsproceſſes überall hervorgehoben und verbürgt 24. Regelmäßig ging ſie zur Kirche, hörte die Meſſe an jedem Morgen und ſo oft es die Arbeit geſtattete auch des Abends, betete mit Inbrunſt, hielt ſtreng die Faſten, beichtete ſehr oft und feierte mit tiefer Andacht das heilige Abendmahl 36. War Johanna auf dem Felde be⸗ ſchäftigt, wenn die Vesperglocke zum Abendgottesdienſt rief, ſo eilte ſie zur Kirche, um die Meſſe zu hören ³, ließ ſich die Arbeit nicht aufſchieben oder war die Ferne zu groß, ſo beugte ſie die Kniee unter freiem Himmel und verrichtete ihr Gebet 32. Dem Küſter des Dorfes, welcher zu⸗ weilen das Läuten verſäumte, machte ſie Vorwürfe darüber und verſprach ihm, wenn er künftig ſeines Amtes ſorgfältiger warten wollte, eine kleine Belohnung 334. Dem Seelſorger gab ſie ihre geringen Erſparniſſe, um Meſſe zu leſen 34. Ein Landmann von Domremy verſichert, Johanna habe alles, was ſie erſchwingen konnte, für göttliche Zwecke geopfert 35. Selbſt bei ihren Ju⸗ gendſpielen vergaß ſie Gottes nicht, ſondern verließ ihre Gefährten eine Weile, um mit Gott zu reden 36. Ein ſo geſtimmtes Gemüth konnte an luſtigen Tänzen und Geſängen keine Freude finden ³7, und während andere Mädchen nach Feierabend tändelnd und ſcherzend ſich auf den Straßen ergingen, zog ſie ſich in die Stille der Kirche zurück 3, welche ſo zu ſagen Johannas beßere Behauſung war, da deren Ringmauer an die Hütte der Familie d'Arc ſtieß. Von der Gluth ihrer Andacht geben zwei Geiſtliche Zeugnis, welche ſie öfters in der Kirche von Voucou⸗ leurs vor dem Kreuze Chriſti und dem Bilde der Jungfrau Maria mit gefalteten Händen auf den Knieen liegen ſahen, das Antlitz bald zur Erde geſenkt, bald auf die heiligen Bilder gehef⸗ tet 3e. Solche Frömmigkeit erſchien ihren Altersgenoßen oft zu groß und gab ihnen Anlaß zu Gelächter und Spötteleien, welche Johanna nicht erbitterten 40. Ein Greuel muſte ihr das leicht⸗ innige Schwören und Misbrauchen des göttlichen Namens ſein. Bekräftigte ſie eine Ausſage, 8 eſchah es mit„unfehlbar“ 41; ſie ſchwor nicht bei Gott oder ſeinen Heiligen, bekreuzte ſich, wenn ſie ſchwören hörte 42.—
Auf der Mitte des Hügels**), an deſſen Fuße Domremy lag, ſtand am Saume des Ei⸗ chenwaldes, welcher die Höhe des Hügels bedeckt und kaum eine halbe Meile vom Dorfe entfernt aus dem Vaterhauſe der Johanna ſichtbar iſt s, eine kleine Kirche, die Einſiedelei unſerer lieben Frau von Bermont genannt, wohin die Bewohner von Domremy und Greup 3¹ zu wallfahrten pflegten. Johanna wanderte, wenn irgend moͤglich, jeden Sonnabend Nachmittags nach dieſer Kapelle, von ihrer Schweſter, anderen Mädchen und Leuten des Dorfes begleitet 45. Auch zu anderen Zeiten ſcheint ſie die heilige Stille dieſes Ortes geſucht zu haben, wenigſtens ſagt der
*) 0. II, 398(Jeanette Thevenin) ſagt geradezu, aus Liebe zu Gott habe Johanna oft Almoſen ge⸗ geben. u) 0. II, 389 Anm.: Situé à mi-côte entre le plateau de Beaumont ou Belmont et la Meuse, au- dessus de l'ancienne route de Domremy à Neuſchateau. On y voyadit encore, il n'y a pas plus de trente ans, une chapelle tres-ancienne, qui depuis s'est écroulée. En 1835, un proprietaire du pays entreprit de la réparer. On trouva dans les décombres l'épitaphe d'un ermite mort en 1583, des statuettes de bois et une cloche. 401„.I. un 3


