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treiben, und ſo oft bewaffnete Banden die Gegend durchſtreiften, nach dem ſogenannten In⸗ ſelſchloß“) in Sicherheit bringen, aber nur in ſeltenen Ausnahmefällen ſcheint ſie das Vieh auf den Weideplätzen wirklich gehütet zu haben ¹2. Ausdrücklich wird übrigens von allen Zeugen die Arbeitsluſt und unverdroßene, bis in die Nacht fortgeſetzte Thätigkeit der Johanna gerühmt. Unſtreitig wurde grade durch dieſe Art von Thätigkeit die angeborene Geſundheit der Johanna nachhaltig befeſtigt und die gediegene Kraft ihres Körpers zu der unverwüſtlichen Dauerhaftig⸗ keit geſtählt, womit ſie die ſchwerſten Anſtrengungen während ihres Kriegerlebens ertrug. Für Geiſt und Herz boten jene Beſchäftigungen an und für ſich keinen Gewinn, gleichwohl konnten ſie einer ſinnigen Natur auch in idealer Hinſicht förderlich ſein. Denn je weniger ſie das Nach⸗ denken in Anſpruch nahmen und je ſchneller ſie zu mechaniſcher Fertigkeit wurden, deſto mehr Freiheit gaben ſie der Seele, betrachtend in ihrer Innenwelt zu weilen.
Von dem ſittlichen Verhalten der Johanna in den Jahren ihrer Kindheit bis zum Abſchied aus dem Elternhauſe entwerfen die Zeugen aus der Heimat**) ein ſo farbenhelles Bild, daß wir die Jungfrau als Muſter jeder chriſtlichen Tugend betrachten müßen 13. Man iſt verſucht zu glauben, die Farben wären zu ſtark aufgetragen; allein unter jenen Tugenden iſt keine, wel⸗ che Johanna nicht gehabt haben könnte, und die wir nicht ohnehin vorausſetzen müſten bei einem Weſen, das ſich von früher Jugend an ſo hoher Gnaden gewürdigt hält, wie das Mädchen von Domremy. Wie hätte Johanna im Alter von dreizehn Jahren die Idee zu faßen vermocht, daß ſie von Gott als Rüſtzeug ſeiner Heilsabſichten über Frankreich erkoren ſei, wenn nicht von Kind auf ihr Sinn dem Heiligen zugewandt geweſen wäre? Sohald ſie ſich aber als Sendbo⸗ tin des Himmels fühlte, war das Trachten nach dem Guten und das Meiden des Argen die unbedingte Folge. Das erſte Wort, was ihr der Erzengel Michael ſagt, iſt die Ermahnung, ſich gut aufzuflchden und häufig zur Kirche zu gehen! So erſcheinen jene Tugenden als die noth⸗ wendigen Früchte des Geiſtes, welcher Johanna trieb. Wir finden dieſelben überdies Zug für Zug in den Schilderungen wieder, welche zahlreiche und gewichtige Augenzeugen von dem Leben der Johanna während ihrer Heldenlaufbahn oder ihrer Kerkerhaft gemacht haben. Inſoweit dieſe Schilderungen zur weſentlichen Ergänzung oder ſchärferen Beleuchtung des ſittlichen Character⸗ bildes beitragen, wollen wir ſie den Ausſagen der Landleute anreihen. Dieſe nennen ſämmtlich Johanna ein gutes, verſtändiges Mädchen ¹¹ von ſchlichter Einfalt 1s und unſträflichem Wan⸗ del is in aller Ehrbarkeit und Keuſchheit ¹7. Friedfertigkeit und Freundlichkeit**), Sanftmuth und Geduld is, Mäßigkeit 19, Gehorſam ²0 und Beſcheidenheit 21 bilden den Kranz ihrer Tugen⸗ den, in welchem die Demuth ²2 und Barmherzigkeit als ſchönſte Blüthen prangen; um alle aber ſchlingt eine wahrhaft einzige Liebe zu Gott und Ehrfurcht vor ſeinem heiligen Willen ²³, auf chriſtlicher Rechtgläubigkeit ruhend, das lebendige Einheitsband. Jedermann hatte Johanna lieb. Nach dem ÜUrtheil des Pfarrers von Domremy, welches von andern Zeu⸗ gen beſtätigt wird, hat ſie nicht ihres Gleichen in der ganzen Gemeinde gehabt 24. Die Barm⸗ herzigkeit, das innerſte Heiligthum der Liebe, erſcheint bei Johanna in allen Geſtalten, als Wohl⸗ thätigkeit, Gaſtfreiheit und Pflege der Kranken. Almoſen gab ſie oft und gern, ja ſie ließ ſich von ihrer Luſt wohlzuthun ſo weit fortreißen, daß ſie mitgab was ihrem Vater gehörte. Armen, welche Herberge ſuchten, trat ſie ihr Bett ab und ſchlief auf dem Herde. Kranken brachte ſie Troſt mit Wort und That 25. Daſſelbe warme Herz zeigte ſie im Kriege. Zum Troſte der Armen und Hülfsbedürftigen, ſagte ſie, bin ich gekommen 26. Sie ſpendete von ihrer Habe, verhinderte ſoviel als möglich Raub und Plünderung 27, leiſtete den Verwundeten Beiſtand,
*) Q. Aperc. p. 12: Le chateau de l'Ile, qui était devant leur village entre les deux bras de la Meuse.— **) Vergl. die Ausſagen der 34 Heimatszeugen über die vorgelegten Artikel IV bis VIII; 0. II, p. 387 sg. De PAverdy, p. 299 und 331— 336. Le Brun de Charmeites I, 251 sq. 4 **) Dieſe hat ſich ſchon bei Lebzeiten der Johanna in die Sage gekleidet, die Vögel des Feldes wären auf ihren Ruf herangeflogen und hätten ihr das Brod vom Schooße gepickt. Q. IV, 462(Journal de Paris).


