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1 (1857)
Entstehung
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Erſter Theil. Jugend, Viſionen und Characker der Johanna d'Arc.

Wie die Gewächſe der Erde ihre Daſeinsbeſtimmtheit nicht bloß durch die Triebkraft des Samenkorns, ſondern auch durch die Beſchaffenheit des Bodens und die Einwirkung der Wit⸗ terung erhalten, ſo wird auch der Menſch was er wird nicht allein durch die Kraft der urſprüng⸗ lichen Anlage, ſondern zugleich durch den Einfluß der großen Wechſelbeziehungen, in welchen er ebenſo nach außen wie nach innen ſteht. Um das Werden einer ſo merkwürdigen Perſoͤnlich⸗ keit, wie die Jungfrau von Orleans war, annähernd zu verſtehen, müßen wir zuvöͤrderſt die Beſchaffenheit des Orts, wo ſie als Kind gelebt hat; die Umgebung, unter der ſie aufgewach⸗ ſen; die Zeitverhältniſſe, die auf ſie gewirkt; die religiöſen Eindrücke, die ſie empfangen, in ſorg⸗ fältige Betrachtung ziehn.

Johanna d'Arc:, Tochter des Jacob d'Arc und der Iſabella Rommée2, wurde geboren zu Anfang des Jahres 1412 3. Ihr Geburtsort, das Doͤrfchen Domremy, liegt auf dem linken Ufer der Maas, am Fuße eines Bergabhanges, deſſen Hochflächen zum Herzogthum Bar gehör⸗ ten*). Der Höhenzug des gegenüberliegenden Ufers bildete die Grenze von Lothringen. Nur das Flußthal war demnach Franzöſiſches Beſitzthum. Dieſes ſchmale, von Berghöhen rings um⸗ ſchloßene Gebiet, welches auf der einen Seite durch Baſſigny mit der Champagne zuſammenhing und ſich auf der andern bis Voucouleurs erſtreckte, war ſeit Carl V. ein unmittelbares Haus⸗ gut der Franzöſiſchen Krone. Drei Meilen ſüdlich von Voucouleurs, zwei Meilen nördlich von Neufchateau gelegen bildete Domremy mit dem Nachbardorfe Greux4 ſo zu ſagen das Herz die⸗ ſes Landſtriches. Die Gegend hatte weder das Großartige und Mannigfaltige, welches die Thä⸗ ler des Hochgebirges auszeichnet, noch blühte ſie durch Handel und Wandel wie die Ebenen der großen Stroͤme; ſie erfreute durch ſtille Anmuth und belohnte die Mühe fleißiger Arbeiter durch den Reichthum ihrer Saatfelder, die Ueppigkeit der Viehtriften, ſowie durch den Ertrag von Obſtpflanzungen und Rebenhügeln. Dichte Wälder gaben Holz in Fülle. In glücklicher Abge⸗ ſchiedenheit von den großen Heerſtraßen der Völker und doch nicht getrennt von jedem Verkehr mit der Welt lebten die Bewohner fern von den Einflüßen der herrſchenden Entartung und Laſterhaftigkeit ein Leben unverdorbener Sitteneinfalt und altväterlicher Frömmigkeit, ohne in allzugroße Beſchränktheit und Theilnahmloſigkeit zu verſinken. Was ſie beſonders auszeichnete, war unverbrüchliche Treue gegen ihren König, welche durch die Lage an den Grenzen des Rei⸗ ches zwiſchen fremden Gebietstheilen nur gemehrt wurde. Auch in dem damaligen Kriege, von deſſen Stürmen ſie lange Zeit verſchont beben, ſtanden ſie mit unwandelbarer Geſinnung auf Seite ihres Landesherrn und hewoͤhrten ſpäter ihre Anhänglichkeit durch That und Leid, als die Kampfeswogen auch an die ſtillen Thäler ihrer Heimat anſchlugen. Nur von dem Dorfe Maxey,

*) Nach Quich. Aperc. p. 2.