7
Poitiers, da Reims, die Krönungsſtadt der Franzöſiſchen Fürſten, nicht in ſeiner Gewalt war, zum König krönen und ward in dem treugebliebenen Theile von Frankreich als ſolcher anerkannt.
Die beiden Todesfälle gaben der Engliſchen Herrſchaft in Frankreich einen empfindlichen Stoß. Geruht hatte dieſelbe bisher auf der ſtarken Perſönlichkeit des Engliſchen Königs; auf dem Schein von Rechtmäßigkeit, welchen ſie dadurch erhielt, daß ſie im Namen des legitimen Königs von Frankreich geübt ward; endlich auf der Zerrißenheit Frankreichs in zwei feindliche Factionen. An der Stelle des thatkräftigen Heinrich V. ſtand jetzt ein unmündiges Kind, und beſaß auch deſſen Vormund, der Herzog von Bedford, die perſönlichen Eigenſchaften, welche ſei⸗ nem verſtorbenen Bruder Frankreich unterworfen hatten, ſo fehlte ihm doch das„Gehorſam ge⸗ bietende Anſehen, welches nur die königliche Würde verleiht“. Sein ſtarker Arm vermochte wohl, unterſtützt von kriegskundigen Feldherrn und ſieggewohnten Heeren, den Feind niederzuwerfen, nicht aber der Engliſchen Herrſchaft den ſittlichen Halt zu geben, welchen nur das rechtmäßige Königthum im Bewußtſein des Volkes hat. Als der natürliche Träger des rechtmäßigen Kö⸗ nigthums muſte je läuger je mehr der Dauphin Carl erſcheinen, die Ausſchließung deſſelben von der Thronfolge als reiner Gewaltſtreich erkannt werden. Wollte England herrſchen, ſo muſte es drücken und das nationale Gefühl beeinträchtigen.„Die Leidenſchaft des Parteihaßes, welche manche Fürſten und Herrn zur Verbindung mit England hingerißen hatte, muſte ſich allmäͤhlich um ſo mehr vermindern, als das National⸗ und Selbſtgefühl dadurch gekränkt wurde, daß im Felde wie in der Verwaltung Engländer die Gebietenden waren, und wenn dieſe Demüthigung von dem Bürgerſtande und den Landleuten nicht ſo lebhaft empfunden wurde, ſo bewirkten noch andere Urſachen Erbitterung gegen die Fremdherrſchaft bei dieſen.“ Erleichterung der Abgaben⸗ laſt hatte Heinrich V. in Ausſicht geſtellt, Vermehrung des Steuerdruckes machte der Krieg⸗ nothwendig, während Handel und Gewerbe darniederlagen. Soldaten, Räuber und Freibeuter verheerten und plünderten das Land; die ſchwer bedrängten Bewohner ſahen ſich genöthigt, in Wäͤldern Schutz zu ſuchen oder in Maſſen auszuwandern und die Felder unbebaut liegen zu laßen. Theuerung der Lebensmittel und anſteckende Krankheiten waren die unausbleibliche Fol⸗ ge. Wen anders aber traf die allgemeine Unzufriedenheit, als die Engländer, welche ſich als Beglücker des Volks und Wiederherſteller der öffentlichen Sicherheit angekündigt hatten? Hätte Carl ſich als den berufenen Retter von dem fremden Joche darzuſtellen gewuſt und ſein gutes Recht zum Ausgangspunkt eines kräftigen Handelns genommen; hätte er namentlich den Herzog von Burgund, ohne deſſen Beiſtand die Engländer ſchon wegen ihrer geringen Anzahl die Herr⸗ ſchaft nicht behaupten konnten*), durch Eutfernung der Mörder Johanns auf ſeine Seite zu bringen verſtanden, ſtatt daß er ſich gänzlich dem Cinfluß der letzteren hingab: wahrſcheinlich wäre ihm die tiefſte Demüthigung erſpart worden. Dem Herzog von Burgund konnte auf die Dauer die Gefahr nicht entgehen, welche die Engliſche Anmaßung auch ihm drohte, und im Franzöſiſchen Volke waren Elemente und Antriebe genug vorhanden zu einer nationalen Erhe⸗ bung. Was fehlte, war die ſtarke Perſönlichkeit eines Königs, welcher bauend auf Gott, ſein fürſtliches Recht und ſein Volk im Stande geweſen wäre, ſich zum lebendigen Mittel⸗ und Ein⸗ heitspunkte der Nation zu machen, den zertheilten Kräften Halt und Richtung zu geben und das ganze Volk mit patriotiſcher Begeiſterung zu durchdringen. Einer ſolchen Aufzade war Carl durchaus nicht gewachſen. Verwarloſt in der Exziehung, aufgewachſen unter Verhältniſſen, die nur an ſeltenen Geiſtern von unverwüſtlicher Geſundheit und Stärke ohne verderbliche Ein⸗ wirkung vorübergehen, zeigte er im Alter von 21 Jahren bei manchen Vorzügen des Herzens nur geringe Einſichten und, was das Schlimmſte war, die Grundſchäden ſeiner Familie, Cha⸗ racterſchwäche und Genußſucht, hafteten auch an ihm. Jene machte ihn zum fügſamen Werk⸗ zeuge ſeiner Günſtlinge und Geliebten, dieſe hielt ihn in beſtändigen Vergnügungen und ſorglo⸗ ſer Unthätigkeit feſt, während nicht weniger als alles auf dem Spiele han Entſchloßenheit, Feſtigkeit des Willens, welche die Lage gebieteriſch forderte, mangelten ihm ebenſo wie das klare
*) Quicherat: Apercus nouveaux p. 14 sq.


