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verbannte ſie nach Tours, entriß ihr alle in Paris und Melun, wo ſie ein Schloß beſaß, ver⸗ borgenen Schätze und ließ ſie aufs ſtrengſte bewachen. Inzwiſchen entfremdete ſich der Graf durch tyranniſche Härte und Erpreſſungen mehr und mehr die Gemüther und bahnte ſo dem Herzog von Burgund den Weg, ihm die Regentſchaft zu entreißen. Johanns erſter Verſuch, ſich gleich nach der Schlacht bei Azincourt der Regierung zu bemächtigen, war an der Energie des Grafen geſcheitert. Jetzt erließ Johann am 24. April 1417 ein Manifeſt an alle Städte des Reiches, worin er ſich als Beſchützer des unterdrückten Volkes ankündigte und namentlich Erleichterung von den willkürlichen Abgaben verſprach. Um ſeinen Maßnahmen die Weihe des Rechtes zu geben, trat er in Verbindung mit der Königin, die ſeine Hülfe anrief, und befreite ſie aus ihrer Haft. Allenthalben wurden die Burgunder mit Freuden aufgenommen, am 29. Mai 1418 drangen ſie in Paris ein. Die Wuth des Volkes gegen die bisherigen Machthaber kannte keine Grenzen und Paris wurde der Schauplatz der entſetzlichſten Greuel. Der Graf von Armagnae fiel als Opfer der Volksrache und mit ihm alle ſeine Anhänger, deren man habhaft werden konnte, kein Stand, kein Alter, kein Geſchlecht ward verſchont: 3000 Menſchen verloren während jener Bluttage das Leben. Am 14. Juli hielt die Königin und der Herzog von Bur⸗ gund einen triumphirenden Einzug in Paris, der geiſtesſchwache König beſtätigte das neu er⸗ richtete Parlament und die neue Rechenkammer. Um den Dauphin, der durch Tanneguy du Chatel aus Paris entkommen war, ſammelte ſich nunmehr die Orleaniſche Partei. Carl ſchlug auf den Rath ſeiner Anhänger, beſonders du Chatels, eine Verſöhnung aus, nahm unter dem Titel eines Regenten ſeinen Aufenthalt in Bourges, ſetzte daſelbſt eine Rechenkammer ſowie ei⸗ nen oberſten Gerichtshof zu Poitiers ein und ließ durch du Chatel, den er zu ſeinem Feldherrn und Stellvertreter im nördlichen Frankreich ernannte, den Krieg gegen den Burgunderherzog fortſetzen. Während auf dieſe Weiſe Frankreich in zwei feindliche Heerlager geſpalten, die Re⸗ gierung und jede öffentliche Gewalt eine doppelte war, hatte Heinrich V. von England am 1. Auguſt 1417 den Krieg erneuert. Johann, durch Armagnacs Uebermacht bedrängt, hatte fortwährend in Unterhandlung mit Heinrich geſtanden, und war auch der bei einer Zuſammen⸗ kunft beider in Calais dem Herzog vorgelegte Entwurf eines Vertrags(1416), wornach dieſer die Rechte Heinrichs V. auf den Thron von Frankreich anerkennen und verſprechen ſollte, ſo⸗ bald Heinrich einen anſehnlichen Theil Frankreichs unterworfen habe, ihm als Oberherrn Hul⸗ digung und Treuſchwur zu leiſten, von Johann nicht unterſchrieben worden*), ſo hatte er doch einen Waffenſtillſtand mit Heinrich gejoben und demſelben wahrſcheinlich das Verſprechen ge⸗ geben, ihm keinerlei Widerſtand entgegenzuſetzen. Durch die raſchen Fortſchritte der Engliſchen Waffen in der Normandie, beſonders durch den Fall von Rouen, welches im Anfang des Jah⸗ res 1419 nach tapferer Gegenwehr erlag, wurden die feindlichen Parteien des Dauphins und des Herzogs von Burgund anfangs nur zu getrennten Verſuchen bewogen, den Koͤnig von England zum Frieden zu ſtimmen. Erſt die maßloſen Anſprüche und die Drohung Heinrichs, den Herzog von Burgund ſammt dem Könige aus Frankreich zu verjagen, wenn man ſeine Forderungen nicht gewähre, brachten Johann zu dem Entſchluß, auf eine Verſöhnung mit dem Dauphin einzugehen, welche ihm dieſer, um einen Vertrag Johanns mit England zu hintertrei⸗ ben, durch du Chatel bieten ließ. So kam bei einer perſönlichen Unterredung bei Pouilly⸗le⸗Fort (11. Juli 1419) ein Friede zu Stande, in welchem beide Fürſten mit den feierlichſten Eiden einander fortan unverbrüchliche Liebe und Treue ſchworen, die Regierung im Namen des Kö⸗ nigs gemeinſam zu führen und die Engländer mit vereinter Kraft aus dem Reiche zu vertreiben gelobten. Furcht hatte die Eintracht erzwungen, die bittere Wurzel das Haßes war nicht ge⸗ tilgt. Bald wurde der Jubel des Volkes durch ein ungeheures Verbrechen erſtickt. Beinahe zwoͤlf Jahre waren verfloßen ſeit jener ſchwarzen That, welche Johann von Burgund an dem Herzog Ludwig von Orleans verübt hatte, jetzt glaubte die Verruchtheit den Augenblick der Ver⸗ geltung gekommen. Drei Tage vor der erſten Greuelthat hatten Johann und Ludwig ihrer Ver⸗
*) E. A. Schmidt: Geſchichte von Frankreich, Hamburg 1840, Band 1II, Seite 259.


