Die griechischen Götter besitzen die Fähigkeit sich in kürzester Zeit an die entlegensten Orte zu begeben; sie fliegen entweder oder sie schweben mit einigen Schritten zu ihrem Ziel. Sie verlangen mitunter, wenn sie in Menschengestalt auf der Erde wandeln von Menschen Aus- kunft und Paris wird sogar als Richter in dem Streit zwischen den drei Göttinnen eingesetzt. Ihr Interesse an den Menschen geht auch so weit, dass sie sich an dem Trojanischen Kriege selbst beteiligen(Mars der Kriegsgott wird sogar einmal verwundet) und sich auch in zwei Parteien teilen, sodass manchmal heftige Auseinandersetzungen zwischen ihnen vorkommen. Wir sehen also die Götter hier fast wie Menschen, mit allen menschlichen Leidenschaften, nur dass sie die guten menschlichen Eigenschaften in viel höherem Masse besitzen.
Eine Eigenschaft haben die Götter der Griechen nicht, die zum Wesen unseres christ- lichen Gottheitsbegriffes gehört: Die Heiligkeit.
Den Griechen waren ihre Götter nicht heilig. Odysseus spottet z. B.(IX. 523— 25) den Erdumgürter Poseidon und Ajas höhnt ebenfalls die Götter(IV. 503).
Dies war in kurzem das Wesen der Homerischen Götter im Allgemeinen. Jetzt will ich eine kurze Charakteristik einiger besonderer Gottheiten vorführen.
Eingangs hatte ich gesagt, die Götter waren die verschiedenen Naturelemente, die sich die Griechen in der konkreten Gestalt des Menschen vergegenwärtigten. Die Luft galt den Alten als dasjenige Element, das überall vorhanden ist, das alles durchdringt, alles durchschaut und alles weiss. Darum war Zeus in dem sie sich all diese Eigenschaften verkörpert dachten, ihr oberster Gott, der Herr über Götter und Menschen. Er sitzt auf dem Olympos und all seine vielen Beinamen, wie z. B. Wolkensammler, hochrollender Donnerer, Blitzeschleuderer zeigen die ur- sprüngliche Entstehung. Im Buch XIV. 458 heisst es ausdrücklich»Zeus regnete«. Zeus Tochter, die eulen- oder blauäugige Pallas Athene, war ihrem Vater gewaffnet aus dem Kopf gesprungen, sie war demnach die Göttin der Klugheit, die»Göttin des Rats«(XVI. 282) und dadurch, dass sie Waffen trug, zeigt sich auch ihre Lust am Kriege, sie ist die stete Begleiterin des Odysseus auf allen seinen Irrfahrten, und sie ist es, die ihm auch zuletzt im Kampfe mit den Freiern (XXII.) und den aufrührerischen Itakern beisteht.(XXIV.) 1.
Poseidon, der Erdumgürter, Erdschütterer, der Dunkelgelockte, der Herrscher mit dem Dreizack, ist der Bruder Zeus', das Meer. Er hebt sein triefendes Haupt aus den Wogen, sieht Odysseus auf dem Schiffe munter dahinfahren, wühlt mit dem Dreizack das Meer auf und zertrümmert durch eine gewaltige Woge sein Fahrzeug.
Hermes, der rüstige Argosbesieger, Geber des Guten, der Bringer des Heils, war der Bote der Götter und war ein Meister in listigen Anschlägen und im Betrügen. Andererseits heisst es(XV. 418— 19):
»Durch Hermeias Gnade, des Göttergesandten, der »alles, was die Menschen beginnen, mit Ehre schmücket und Anmut.«
Dies sind die Götter, die in der Odyssee die grösste Rolle spielen. Von einigen andern nenne ich nur einige Beinamen, aus denen schon ihre Tätigkeit und Bedeutung hervorgeht.
Eos heisst die goldenthronende, die frühgeborene, die rosenfingerige, die Göttin der Frühe. Hephaistos, der Erbauer der Götterwohnungen heisst der kluge Erfinder, der kunstreiche, der hinkende Feuerbeherrscher, der starke, der lahme und der langsame— und Apollon, der Schütze, der Herrscher Apollon, der ferntreffende und Zeus Tochter Aphrodite hat das ständige Beiwort die goldene.
Von den übrigen Göttern ist in der Odyssee ausser den Namen fast gar nichts zu finden.


