— 31— I.
Die Götter in Homers Odyssee.
Die griechische Religion bestand ursprünglich, wie auch bei allen andern Völkern in der Furcht und Verehrung der Naturkräfte. Doch da das Volk mit solchen formlosen Gottheiten nicht befriedigt sein konnte, gab es den Göttern eine greifbare Form: Sie stellten sie sich als Wesen von menschlicher Gestalt vor. Nun ist es ja natürlich, dass ausser der Gestalt auch viele andre Eigenschaften vom Menschen auf die Götter übertragen werden. Man konnte es sich nicht vorstellen, dass die Götter z. B. ohne Nahrung und Wohnung existieren könnten.
Ihre Nahrung bestand aus Nektar und Ambrosia. Jedesmal versammelten sie sich in Zeus hohem Hause zum gemeinsamen Mahle, wobei sie dann ihre Nachrichten tauschten und miteinander berieten. Wer von den Sterblichen jemals von dem Göttertrank gekostet hatte, erlangte Unsterb- lichkeit und unvergängliche Jugend; auch den Göttern verliehen Nektar und Ambrosia ewige Jugend und nimmervergehende Stärke. Als Mundschenk waltete Hebe beim Göttertrank und Ganymedes, König Priams Sohn, den Zeus wegen seiner Schönheit durch seinen Adler auf den Olymp ent- führen liess. Schon früh herrschte unter den Griechen der Glaube, dass die Götter dadurch am Opfer teilnehmen, dass sie den Rauch, der von dem verbrannten Opfertier aufsteigt, geniessen, weshalb ihnen auch immer die edelsten Körperteile des Opfertieres verbrannt wurden.
Die Wohnung der Götter ist der Olymp, wo ihnen Hephaistos in schönen Reihen die Häuser gebaut hatte. Doch hier wohnen nur die sogenannten»olympischen« Götter, im Gegensatz zu den vielen andern Gottheiten, Nymphen, Mänaden, Dryaden, die ihre Wohnungen in Flüssen, Hainen, Quellen hatten. Die Seegötter wohnen unter dem Wasser auf dem Grund des Meeres. Poseidon hat seinen schimmernden Palast da unten, Thetis und die Nereiden.
Aiolos, der Beherrscher der Winde hält seine Untertanen in einer in den Fels gehauenen Höhle zusammen, und Helios schirrt seinen Wagen in fernem Lande der Aithiopen an, wo er mit Eos und den Horen in seinem gleissenden Palast wohnt.
Die Götter, die Geber des Guten(VIII. 325), sind gewöhnlich nicht grösser an Gestalt wie die Menschen. Doch haben sie viele vorzügliche Eigenschaften den Menschen voraus. Sie sind eigentlich allwissend und können auch alles sehen, aber es geschieht dennoch oft, dass etwas hinter ihrem Rücken geschieht, wovon sie nichts ahnen. So beschliessen z. B. im ersten Buch der Odyssee die Götter die Rückkunft des Odysseus, weil Poseidon, von dem sie wissen, dass er dagegen sein werde, gerade nicht anwesend ist. Auch machen sich die Götter zuweilen durch eine Wolke unsichtbar. Hören können sie schon aus sehr weiter Ferne und untereinander sprechen sie in einer besonderen Sprache.
Eine andre Eigenschaft, von der sie auch oft Gebrauch machen, ist die Kunst sich zu verwandeln. Jede Gottheit kann eine beliebige Gestalt annehmen. Der Meergott Proteus nimmt, um den Händen des Menelaus und seiner Gefährten zu entrinnen, die verschiedensten Gestalten an. Im vierten Buch der Odyssee heisst es in der Vossischen Übersetzung:
»Endlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach, und ein zürnender Eber Floss als Wasser dahin, und rauscht als Baum in die Wolken.«
Atbene nimmt die Gestalt eines Vogels an.(I. 320 und XXII. 390— 40.) Im 6. Buch erscheint sie der Nausikaa als ihre Freundin, im 13. dem Odysseus als Mädchen und zu
wiederholten malen steht sie Odysseus und Telemach bei» Mentorn gleich in Allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme.«


