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Ferner: wo bleiben die griechischen Redner, an deren Hand man dem Schüler, natürlich wieder innerhalb seines Ideenkreises, ein Verständnis für unsere politischen Verhältnisse im verklärten Bilde antiker Zustände beibringen könnte— beleuchten nicht gerade die Redner am besten das grosse Thema des politischen Lebens der Griechen vom 5. Jahrhundert abwärts, nämlich den Kampf zwischen sozialer und individualer Lebensauffassung— das grosse Thema auch unserer heutigen Zeit? So mancher würde sich später durch unsere heutigen Demagogen nicht betören lassen, hätte man ihm als Oktavaner den athenischen Gerber Kleon gezeigt und wohin seine Bestrebungen Athen geführt!
Und die ganze griechische Kunst! Angefangen von der griechischen Tempelkonstruktion bis zum griechischen Vasengemälde— wann kann man mehr als nur gelegentliche Hinweisung bieten?
Nun freilich, auch das humanistischeste Gymnasium könnte nur schwer das angedeutete Programm in einiger Ausführlichkeit durcharbeiten; und wir haben ja gar keine humanistischen Gymnasien, wir haben Realgymnasien— aber mehr, bedeutend mehr könnten auch wir in dem angedeuteten Sinne leisten, wenn wir ausgiebigsten Gebrauch von der Erlaubnis machen wollten, die das Landeskonsistorium auf eine Eingabe unserer Konferenz hin erteilt hat, wenn wir näwlich gute UÜbersetzungen griechischer Klassiker in den Unterrichtsbetrieb hineinziehen wollten zum Teil in der Schule selbst, zum Teil als Privatlektüre— ein Mittel, das freilich Philologen strenger Observanz mit Kopfschütteln und Widerwillen zur Kenntnis nchmen werden.
Dann aber würde es z. B. zu erreichen sein, dass kein Schüler das Gymnasium ver- lässt, ohne Homer in seiner Gänze gelesen zu haben, so könnte man windestens 6—8 griechische Tragödien, einige Reden des Demosthenes, vielleicht einige Partien des Thukydides, mehrere Dialoge des Plato lesen lassen, ohne dass die griechische Sprachfertigkeit allzusehr litte. Aber schliesslich, was schadets, wenn der Oktavaner irgend einen aor. II nicht weiss, dafür aber im Homer zu Haus ist, oder die Orestie des Aeschylos gelesen hat— wenn auch nur in einer Ubersetzung?
Ein wichtiger Behelf zur Vertiefung der Lektüre wären dann kleine schriftliche Arbeiten, die die Schüler auf Grund dieser erweiterten Lektüre liefern müssten— damit komme ich zu dem, was diese Zeilen überhaupt veranlasst hat.
Es ist heuer in der Septima im Griechischen im 1. Semester der erste und neunte Gesang der Odyssee im Urtext in der Schule, der Rest der Odyssee als Privatlektüre gelesen worden. Ausserdem wurden in der Schule, sozusagen als Pausen in der Ubersetzung des Homers und, wie ich glaube, von den Schülern mit Freude begrüsst, in der Wilamowitz'schen UÜbersetzung drei griechische Dramen gelesen und zwar von Aeschylos die Coephoren, von Sophokles der Oedipus Rex, von Euripides die Troerinnen.
Versuchsweise wurde einigen Schülern aufgetragen, über die Privatlektüre je eine Arbeit zu machen— das Ergebnis, so gut oder so schlecht es nun sein mag, soll hier vorgewiesen werden, und zwar in der Form, wie die Arbeiten zum erstenmal in der Schule vorgelesen wurden.
Diie Schüler wurden angewiesen, während der Lektüre den Stoff zum Thema zu sammeln und dann das Ergebnis in Form einer kleinen Abhandlung in der Schule vorzulesen. An die Vorlesung knüpften sich, soweit es nötig war, Besprechungen.
Vielleicht dürfte es interessieren, zu erfahren, dass die letzte Arbeit:»Die Frau in der Odyssee«, von einer Gymnasiastin herrührt.


