Zur Einleitung.
Der griechische Unterricht ist seit 1883 in einer misslichen Lage: er kann sein haupt- sächlichstes Ziel nicht mehr erreichen, nämlich die Vermittelung derjenigen Kulturwerte der Griechen, deren Kenntnis auch heute noch für uns notwendig ist.
Von den vier Schuljahren, in denen griechisch getrieben wird, sind anderthalb abzu- ziehn, die mit der formalen Erlernung der Sprache verbracht werden, wobei auch noch diese Erlernung an der Hand von Lehrbüchern geschieht, in denen hauptsächlich an deutsch-griechischen Ubungssätzen gelernt wird, deren Inhalt mit der griechischen Kulturwelt oft in gar keinem Zu- sammenhang steht oder höchstens Begebenheiten aus der griechischen Geschichte wiedergibt— während doch eigentlich UÜbersetzungen aus dem Deutschen ins Griechische ganz unnötig sind, da ja glücklicherweise das Unterrichtsziel im Griechischen jene Forderung nicht enthält, die leider noch in der lateinischen Sprache vorhanden ist, nämlich der Beweis der Kenntnis der Sprache mittelst einer Übersetzung aus der Muttersprache in die fremde.
In den übrigen zwei und einhalb Jahren wird, laut Lehrplan, Xenophon, Herodot und Homer soviel die Zeit erlaubt, und sie erlaubt herzlich wenig, namentlich für Homer, sodann eine Tragödie des Sophokles sowie ein Dialog oder die Apologie des Plato gelesen.
Die praktischen Lehrer des Griechischen wissen, dass das alles viel zu wenig ist, um das zu erstrebende Ziel zu erreichen. Homer z. B. müsste doch ganz gelesen werden, und zwar mit der gehörigen Vertiefung in kultureller, aber auch literarisch-aesthetischer Beziehung, damit in dem Schüler der Grund gelegt würde zu der, freilich meist erst viel später reifenden Er- kenntnis, warum denn eigentlich Homer neben Shakespeare und Goethe als der grosse Gesund- brunnen für literarisches Geniessen und Schaffen gilt. Vom griechischen Drama, den drei Ein- heiten etc. hört der Schüler bei Behandlung Lessings so viel; von der Rolle des Chors, von dem Begriff Schicksalstragödie hört er bei der Behandlung der Braut von Messina— dabei hat der griechische Unterricht keine Möglichkeit, dem Schüler das zum Verständnis nötige Material zu bieten, was doch auch seine Aufgabe wäre; in der achten Klasse soll zwar eine Tragödie des Sophokles gelesen werden, kommt man aber dazu, diese Tragödie im Urtext in einem Zug, so dass sie als Ganzes wirkt, zu lesen? hat man die Zeit, den Gegenstand über die grammatische Seite hinaus zu vertiefen?
Ferner: ist es möglich, anknüpfend an den einen Dialog Platos, den Schülern einen, natürlich im Rahmen ihres Verständnisses gehaltenen Uberblick über die griechische Philosophie zu bieten— und doch, so mancher würde sich, um nur ein Beispiel anzuführen, später nicht so durch Nietzsche blenden lassen, hätte man dem Oktavaner gezeigt, dass die berühmte Um- wertung aller Werte ja bei den Griechen schon einmal dagewesen ist und— diese Werte ja doch nicht umgewertet hat.


