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1. Th. (1879)
Entstehung
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Notizen Herodots von den Komikern hie und da in dieser oder jener Weise verwandt worden wären, wenn sie sie gekannt hätten. Und wenn man hier etwa die veränderte Geschmacksrichtung als Grund für die spütere Vernachlässigung des Werkes hinstellen wollte, wie hätte z. B. Xenophon, der in sich die vielseitigsten litterarischen Neigungen vereinigte, es über sich gewinnen sollen, auf eine Kenntnisnahme des herodotischen Werkes zu verzichten, wenn er nur die leiseste Ahnung von der Existenz desselben gehabt hätte ⁴⁰).

Hierzu kommt, daſs das unsichere und widersprechende in der Ueberlieferung über Herodots letzten Aufenthalt nur durch die Annahme zu erklären ist, man habe, als man im Alterthum sich wieder für den Geschichtschreiber zu interessiren anfing, hierüber, wie fast über sein ganzes Leben, nicht das Geringste gewulst und sich deshalb auf's Combiniren verlegt. Das scheint aber nur möglich, wenn Herodot und sein Werk den Zeitgenossen entrückt wurde. Ich bin bei dieser Behauptung weit entfernt von der Voraussetzung, als würde die litterarische Bedeutung Herodots im entgegengesetzten Falle seinen Zeitgenossen so lebhaft zum Bewulst- sein gekommen sein, dals ihnen seine persönlichen Schicksale vom gröſsten Interesse hätten sein müssen. Die Litteraturgeschichte aller Völker bietet ja Beispiele genug für die Erschei- nung, daſs oft die genialsten und werthvollsten Erzeugnisse des Geistes von den mitlebenden misachtet oder verkannt, und erst von einem nachkommenden, richtiger urtheilenden Geschlecht gewürdigt werden; wenn dies in Zeiten geschieht, denen die Kenntnis und Vergleichung ver- wandter Producte viel eher die Anlegung eines passenden Maſsstabes gestattet, so muſs man es als ganz sicher ansehen, daſs das athenische Publicum im Anfang des peloponnesischen Krieges, das durchaus nicht in dieser Lage war, zum mindesten den vollen Werth Herodots gar nicht zu erfassen vermochte ⁴¹). Aber selbst dann, wenn das Interesse der Athener an Herodot nicht so bedeutend war, als man anzunehmen in Versuchung geräth, hätte sein Tod und sein Aufenthalt vor demselben in Athen doch gewiſs wenn auch noch so unbedeutende Spuren da- selbst hinterlassen, die verhindert haben würden, daſs die späteren Reconstructionen jener Punkte in der Hauptsache so sehr auseinandergingen.(Das hat auch schon Bauer in den Sitzungsber. der Wien. Akad. Bd. 89 S. 419 bemerkt.)

Es erscheint ferner schwer glaublich, daſs Herodot, wenn er überhaupt es für räthlich halten konnte, die Ausarbeitung seines Werkes in einer von Kriegsrüstungen und Parteistreitig- keiten aufgeregten Stadt zu vollenden, es bei so wenigen und dazu so farblosen Hindeutungen auf den peloponnesischen Krieg habe bewenden lassen. Man gehe sämmtliche hierher gehörigen Stellen durch; man wird finden, daſs sie ohne Ausnahme viel mehr auf einen fernstehenden, objectiven Beobachter schlieſsen lassen, als auf einen in Athen lebenden Verfasser, der sich dem Einflusse der ihn umgebenden Anschauungen mit dem besten Willen nicht hätte entziehen können.

Zum Schlusse kann man sich kaum vorstellen, wie Herodot den Anfeindungen hätte entgehen sollen, mit denen die Opposition die Freunde des Perikles in dessen letzten Lebens-

4⁰) Es wäre interessant, wenn es gelünge zu ergründen, wie Ktesias in Asien in den Besitz unseres Geschichts- werkes gelangte; so lange man hierüber aber nicht etwas annähernd sicheres weiſs, kann man hierauf keine Rück- schlüsse in Bezug auf die vorhergehende Zeit bauen. Ganz zu verwerfen ist die Geschichte des herodotischen Wer- kes, die man aus seiner Epitomisirung durch Theopompos construirt hat.

) Man begeht heutzutage noch viel zu oft den Fehler, daſs man die hohe Achtung, deren sich Herodot wegen des Verlustes anderweitiger Quellen und der allmählich immer mehr zu Tage tretenden Zuverlässigkeit seiner meisten Nachrichten bei uns erfreut, auch im ganzen Alterthume als vorhanden voraussetzt.