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1. Th. (1879)
Entstehung
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man beweisen, daſs sie bestimmten Zwecken der Tagespolitik gedient hat? Was würde' auch wol eine Lobpreisung der Alkmaioniden genutzt haben in der Flut von persönlichen Verläum- dungen, die sich im Sommer 430 über Perikles ergoſs? Muls nicht vielmehr eine Reclame verzweifelt ungeschickt genannt werden, die einen Mann, der des Strebens nach der Tyrannis verdächtigt wurde, dadurch empfehlen wollte, daſs sie seine fürstliche Abstammung und den alten Adel seines Geschlechtes hervorhob? Welchen Nutzen hätte sich übrigens Herodot selbst für Perikles von dieser verherrlichenden Episode versprechen sollen, die er doch nicht im rich- tigen Moment in das Parteigetriebe hineinschleudern konnte, weil sie ein integrirender Bestand- theil seines groſsen Werkes war? Wir müssen demnach gerade hier das Bestreben für mis- glückt halten, einen tieferliegenden Beweggrund für die Stellung einer Episode zu suchen, die für unser Gefühl sich durchaus nicht an einem unpassenden Platze befindet. Denn wenn man im Auge behält, daſs die Nachrichten über die Geschichte des Alkmaionidenhauses in ihrer Ge- sammtheit offenbar einer Specialquelle entstammen, so ist nicht einzusehen, weshalb Herodot dieselben habe trennen und an verschiedenen Stellen seines Werkes vertheilen sollen. Man bemerkt zudem leicht, daſs die Erzählung von der Betheiligung der Alkmaioniden am Sturze der Peisistratiden im 5. Buch wiederum eine augenscheinlich abgegrenzte, in sich zusammen- hängende Partie ist; die Genealogie des Hauses würde sich demnach jedenfalls nicht ohne er- hebliche Störung des Zusammenhangs haben anbringen lassen. Wo aber im 5. Buche von Kleisthenes die Rede ist, hätte höchstens die Werbung seines Vaters Megakles um seine Mutter Agariste Platz finden können, aber man sieht nicht recht, wo, da die ganze Erzählung von Cap. 66 an sich um politische Ereignisse dreht und eng zusammenhängt. Im 6. Buche jedoch, wo sich unserem Geschichtschreiber nach Schilderung der Schlacht bei Marathon ein Ruhe- punkt bot, konnte er einmal bequem jene Anschuldigung des Verrathes widerlegen und sodann ohne groſse Schwierigkeit die genealogischen Notizen im Zusammenhang anreihen. Bei dieser Gruppirung diente dann allerdings die Verherrlichung des Alkmaionidenhauses als wirkungsvolle Folie zur Widerlegung der ihnen anhaftenden Nachrede. Wenn aber der Stammbaum bis auf Perikles herabgeführt wird, so braucht man darin noch lange nicht die Absicht zu suchen, auf die Zeitgenossen zu Gunsten dieses Staatsmanns einzuwirken. Denn die Anekdote vom Traum der Agariste war ohnehin unzweifelhaft allen Athenern bekannt und brauchte ihnen nicht erst von Herodot mitgetheilt zu werden ³⁵). Auch möchte vielleicht davor zu warnen sein, den Ein- druck, den gerade die Erzählung von diesem Traum in ihrer grandiosen Einfachheit auf uns moderne zu machen pflegt, so ohne weiteres auch bei den Zeitgenossen des Perikles voraus- zusetzen.

.Dies waren die Argumente, mit welchen man beweisen wollte Herodot habe sich nach 431 in Athen aufgehalten. Ich füge noch folgende gewichtigen Gründe gegen diese An- nahme hinzu.

Wenn Herodot wirklich seine letzten Lebensjahre in Athen zubrachte und daselbst starb, so muſs es. im höchsten Grade auffallen, daſs kein zeitgenössischer Schriftsteller, wie ich noch anderwärts genauer darlegen werde, die geringste Kenntnis seines geschriebenen Werkes zeigt. Man kann z. B. die Vermuthung nicht abweisen, daſs die mannigfachen seltsamen und fabelhaften Erzählungen und

³⁰) Bloſs auf den Traum, aber nicht auf Herodots Darstellung desselben, bezieht sich wahrscheinlich das paro- dische Orakel bei Aristophanes Ritter, V. 1037.