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1. Th. (1879)
Entstehung
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für sich schon ganz undenkbar. Die Nichterwäühnung jener Thatsache imVI. Buch findet vielmehr ihre einfache Erklärung darin, dals er eine nochmalige Berührung derselben für überflüssig hielt, da er das VII. Buch schon fertig hatte. Ebenso wird es sich damit verhalten, dals die Geschichte des Sperthias und Bulis nicht vor VII, 126, wohin sie allerdings der Zeitfolge nach gehört, er- zühlt ist. Dals aber diese ganze Mittheilung bloſs dadurch an die jetzige Stelle gekommen sei, daſs zu der Zeit, wo Herodot mit seiner Ausarbeitung soweit gelangt war, im Jahre 430 die spartanischen Gesandten in Athen hingerichtet und dadurch die Erinnerung an den Zorn des Talthpbios sowie an seine beiden Söhne wieder neu geweckt wurde, worauf dann Herodot die jetzt erst vernommenen Geschichten seinem Werke an dieser Stelle einverleibt habe, das muſs schon von vorn herein für ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen gelten ³s) und stimmt auch nicht mit dem Ein- drucke, den die Darstellung in ihrem Zusammenhange macht. Denn man sieht ohne Mühe, daſs die bloſse Berührung der Thatsache, daſs Xerxes keinelHerolde nach Athen und Sparta schickte, von selbst unserem Schriftsteller zur Erzühlung der Ereignisse Veranlassung bieten muſste, dieiden Per- serkönig zu diesem Verfahren bewogen: eine Veranlassung, die Herodot sogar nicht einmal abweisen durfte, wenn er, wie wir glauben, die Geschichte des ersten Perserzuges noch nicht erzählt hatte. Der kurze Bericht über den Gesandtenmord von 430 ist aber in einer so losen Fassung angefügt, daſs Stein(in seiner Anmerkung zu der Stelle) ihn mit Recht für einen späteren Zusatz hält, und daſs es bei unbefangener Betrachtung des Zusammenhangs höchst wenig Wahrscheinlichkeit gewinnt, diese kurze Notiz sei der Kern, um den von Herodot die ganze Episode gelegt worden sei. Ueberhaupt sind die Anspielungen auf Ereignisse aus der Zeit des peloponnesischen Krieges fast alle in einer Form gehalten, daſs man sie unschwer als spätere Zusätze erkennt. Ich werde unten noch einmal auf sie zurückkommen.

Auch in Bezug auf VI, 121131 kann ich mich nicht überzeugen, daſs es mit Hinblick auf die Anfechtungen entstanden sei, die Perikles, das berühmteste Mitglied des Alkmaioniden- geschlechts, im Jahre 430 in Athen erfahren habe. Denn daſs Herodot bei Schilderung der Schlacht von Marathon und der unmittelbar auf sie folgenden Vorgänge den angeblichen Ver- rath der Alkmaioniden erwähnen mulste, ist offenbar. Sein nochmaliges Zurückkommen und längeres Verweilen bei dieser Angelegenheit, sowie seine nachdrückliche Vertheidigung jenes Geschlechtes finden ihre ungezwungene Erklärung in seinen Sympathien für sie und in seinen engen Beziehungen zu ihnen, die ihn um so beredter werden lieſsen, als ihm gerade hier die Familientradition Beweismaterial genug an die Hand geben konnte. Dieser Familientradi- tion ist denn auch offenbar der hämische Seitenblick auf das Geschlecht des Kallias entnommen, der als Ausfluſs einer gewissen Eifersucht zwischen beiden Familien erscheint. Der Ausfall gegen Kallias selbst bietet aber nicht den geringsten Anhaltspunkt zur Bestimmung der Zeit, wo er niedergeschrieben wurde. Wenn Kirchhoff hierfür das Jahr 430 ansieht, so ist das bloſs eine persönliche Vermuthung von ihm. Denn über eine Betheiligung des Hipponikos an den Intriguen gegen Perikles im Jahre 430 fehlt uns jedwede Nachricht. Ganz unthunlich erscheint es aber, die Niederschrift des zweiten Theils der Episode zeitlich fixiren zu wollen. Man kann zugeben, daſs ihre Tendenz auf die Verherrlichung der Alkmaioniden hinausläuft, wie aber will

³8) Mit Recht giebt Bauer E. S. 147 zu erwägen, daſs es ein kaum denkbarer Zufall wäre, wenn bei allen An- lässen, bei denen Herodot derartige Anspielungen machte, die berührten Ereignisse immer gerade an der Zeit vorge- fallen wären, wo die betreffenden Anknüpfungsstellen geschrieben wurden.

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