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1. Th. (1879)
Entstehung
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18 dahingestellt bleiben; jedenfalls wurde die Aeufserung dem Herodot in dieser Form erzählt, und gerade die erklärende Anmerkung, die dieser ihr beizufügen für nöthig fand, bietet uns hierfür eine sichere Gewähr. Man möchte sogar versucht sein aus unserer Stelle die Abfassung vor 440 zu folgern, da Herodot, wenn er jene Leichenrede des Perikles gehört hätte, nach seiner sonsti- gen Art eine Bemerkung nicht würde unterlassen haben.

Die Notiz über die Behandlung der Dekeleer IX, 73 geht allerdings theilweise auf Er- eignisse des peloponnesischen Krieges; sie braucht aber nicht in Athen geschrieben zu sein, denn wenn das ςαᷣ αντο 1Hνννναποο εω̈νoot dies beweisen soll, so mülſsten alle Stellen, wo die Aigypter, Phoiniker, Perser etc. als Gewährsmänner angeführt werden, ebenfalls in den betref- fenden Ländern, resp. Städten verfaſst sein. Dals aber die Notiz gerade hier und nicht IX, 15 angebracht ist, erhält seine richtige Beleuchtung, wenn man bei genauem Zusehen wahrnimmt daſs die Stelle, wo von dem Nutzen der erzählten That für die Dekeleer die Rede ist, sich offenbar auf zwei verschiedene Zeitpunkte beziehen muſs. Während des peloponnesischen Krieges wird die Abgabenfreiheit und der Vorsitz bei den Spielen für die Dekeleer in Sparta kaum thatsächlich geworden sein: sie waren eben Feinde, wie alle anderen Attiker, und es wird sich keiner nach Sparta gewagt haben. Die Worte des 73. Cap. bis dœreléet& r6de del Erl εοοοα beziehen sich deshalb, wie auch Bauer E. S. 146 schon richtig gesehen hat, auf die Zeit, wo Herodot die Stelle zuerst niederschrieb; die Notiz von der Schonung der Dekeleischen Gaues ist als späterer Zusatz anzusehen. Das nemliche gilt von VI, 91, wo die Vertreibung der Aigineten von ihrer Insel erwähnt wird, die Sommer 431 erfolgte.

Wenn VI, 48. 49 nicht der höchst unfreundlichen Aufnahme Erwähnung geschieht, welche die Herolde des Dareios in Sparta erfuhren, sondern dieselbe erst nachträglich im VII. Buch als Erklärung des Umstandes mitgetheilt wird, weshalb Xerxes nach diesen Städten keine Gesandten schickte, so kann ich darin keine Veranlassung zu der Annahme erblicken Herodot habe, als er den Zug des Dareios erzählte, noch nichts von jenem Ereignis gewulst. Das ist an und

speciell jene Verse den Professoren Friedländer und Schipper vorgelesen worden seien, die dies beze ugen würden. Vgl.Gegenwart 1875, Nr. 44, S. 287. Und so unglaublich erschien dies der Kritik, daſs Paul Lindau bemerkte, es bleibe dann freilich kein anderer Ausweg, als daſs Bismarek das Dahn'sche Stück vorher gekannt haben müsse. In der Litteratur sind solche unabhängige Uebereinstimmungen nichts seltenes. So z. B. bin ich im Besitz von Er- klärungen Geibel's und Dahn's, wonach folgende Stellen unabhängig von einander sind:

Geibel: Ach Ortewein, mein Bruder, ach Herwig, Buhle werth, Was rauscht nicht euer Ruder, was bplitzt nicht euer Schwert? Dahn: Ach Ortewein, mein Bruder, ach Herwig, theurer Mann, Was rührt ihr nicht die Ruder und legt die Waffen an? Noch frappanter ist folgender Fall, den Paul Lindau in derGegenwart 1876, Nr. 49 hervorhebt. Der Monolog in Goethes Faust:Erhabener Geist u. s. w. ist während der italienischen Reise(1786 88) niedergeschrieben. Im Jahre 1787 kam in Paris die sehr mittelmäſsige Oper Beaumarchais:Tarare zur Aufführung. Es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, dals Goethe in Italien von diesem verfehlten Operntext Kenntnis erhalten und ihn für seine Faust- dichtung benutzt habe. Der Monolog im Walde schliefst mit den Worten: So tauml' ich von Begierde zu Genufs, Und im Genuſs verschmacht' ich nach Begierde. In der OperTarare I. Act, 3. Scene heilst es: En désirant, je sens, que je jouis, En jouissant, je sens, que je désire.