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stimmen, dals sich bei genauerer Prüfung der Zusätze, die Herodot in seinem Werke nachträg- lich gemacht hat, eine gewisse Ungleichmälsigkeit auch in diesen nicht verkennen läſst ⁵²).
Der Ausdruck Gelons(VII, 162) in der abschlägigen Antwort, die er den Gesandten der Hellenen ertheilt, sie sollten Hellas melden,„daſs für es der Frühling aus dem Jahre genommen sei“, steht nach meiner Ansicht in keiner directen und bewuſsten Beziehung zu der nemlichen Redewendung, die nach Aristoteles Rhetorik I, 7 und III, 10 Perikles in einer Leichenrede von der dahingerafften athenischen Jugend gebrauchte. Ich gehe auf diese Stelle ein, obgleich jetzt Kirchhoff seine Ansicht geändert hat und glaubt, die Wendung des Perikles bei Aristoteles stamme aus der Leichenrede, die dieser im Jahre 440/439 auf die im samischen Kriege gefallenen Athener hielt ³³). Es ist nemlich einfach ein Ding der Unmöxglichkeit, dafs Herodot dem Gelon eine Phrase in den Mund gelegt habe, die derselbe, wie er wulste, nicht gebraucht hatte. Ein Mann von der anerkannten Gewissenhaftigkeit Herodots konnte mit Bewuſstsein keine Geschichte fälschen. Es ist denn in der That auch kein Fall bekannt, der unseren Schriftsteller einer solchen Unter- schiebung überführte; und wenn Wecklein ²⁴) mehrere solche ausfindig gemacht zu haben glaubt, so sieht man, daſs er die Ausführungen des von ihm citirten K. W. Nitzsch ³⁵) nicht gehörig beherzigt hat. Man kann nicht eindringlich genug davor warnen, sich das Verfahren. Herodots gegenüber der ihm gebotenen Tradition als ein leichtfertiges vorzustellen. Die Ueberlieferung über die Perserkriege zumal trat ihm in so fest gewordener Gestalt gegenüber, daſs er gewils der letzte war, der sich Aenderungen erlaubte. Anachronismen, Uebertreibungen und ähnliches sind in solchen gröſseren Partien stets auf Rechnung des Volkes zu setzen, in dessen Mitte die Tradition allmählich ihre feste Gestalt gewann 36). Da es kaum angehen wird, anzunehmen, Perikles habe das Bild aus Herodot entlehnt, so müssen Perikles und Herodot dasselbe völlig unabhängig von einander gebraucht haben ³⁷). Ob Gelon sich wirklich so ausgedrückt hat, mag
³²) Gerade auf unsern Gegenstand paſst vortrefflich, was Weil in der Révue critique vom 18. Jan. 1878 gegen die allerdings mitunter zu subtilen Beweismittel Bauer's geltend macht: Se servir de petits détails pour en tirer des conclusions importantes, c'est laà, sans doute, un beau triomphe pour la critique; mais il faut bien se garder d'abuser de cette méthode.
³3) Die letztere Ansicht ist übrigens nicht neu, u. a. bekämpft sie schon Roscher Klio I, 132.
34) a. a. O. S. 247 ff.
35) Ueber Herodots Quellen für die Geschichte der Perserkriege. Rhein. Mus. 27, S. 227 ff.
³⁶) Auf diese Weise und nicht etwa durch die von Rawlinson Vol. I, 82 und Anm. zu VII, 132 beliebte„rhe- torical exaggeration“ ist allein jener viel berufene Passus VII, 132 über die nautische Unkenntnis der Hellenen vor Delos zu erklären. Vgl. Nitzsch S. 261 f.
³7) Ich will hier nur eins von vielen beglaubigten Beispielen aus neuerer Zeit anführen, um zu zeigen, daſs gleich- lautende Aeuſserungen gänzlich unabhüngig von einander gethan werden können. Als Fürst Bismarck im Sommer 1874 den Attentäter Kullmann im Gefängnis besuchte, fragte er ihn, was er ihm gethan habe, dals er ihn habe tödten wollen. „Nichts“, antwortete jener,„aber Sie sind ein Feind meiner Kirche“. Die Aeufserung machte natürlich alsbald die Runde durch alle Ze itungen. Nun erschien im Jahr 1875 die Tragödie„König Roderich“ von Felix Dahn, und in derselben fand sich folgendes Gespräch:
Roderich: Was that ich dir, daſs du mich morden wolltest?
Xaldrul: Nichts, Herr, man sagt, Ihr seid der Kirche Feind.
Sofort schlug die Kritik Lürm und behauptete, es sei. das eine sehr wohlfeile Art Effecte zu erzielen, wenn man das Gespräch in Kissingen auf die Bühne bringe. S. z. B. Paul Lindau in der„Gegenwart“ 1875, Nr. 38. Felix Dahn veröffentlichte jedoch darauf eine Erklürung, wonach vor dem Attentate sein Drama schon fertig gewesen und
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