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denken, daſs auch nach der ersten athenischen Colonisirungsexpedition noch Athener nach Thurioi auswanderten, um unbedingt die Möglichkeit zuzugeben, daſs Herodot den Aufstellungs- platz des Weihgeschenkes nebst dem Epigramm recht gut von einem solchen Zuzügler ver- nommen haben könne. Es genügt mir indes, die Unsicherheit der Autopsie an dieser Stelle constatirt zu haben; meinetwegen mag man immerhin aus derselben eine Reise Herodots im Jahre 432 nach Athen erschlieſsen, wennschon eine solche gerade in dieser Zeit bei den drohen- den kriegerischen Verwickelungen in Hellas äuſserst merkwürdig erscheinen muſs und eine Veranlassung dazu mit dem besten Willen nicht ausfindig gemacht werden kann.
Daſs Herodot VI, 98 und Thukydides II, 8 zwei ganz verschiedene Erdbeben im Auge haben und daſs keiner von Beiden die vom andern gemeinte Thatsache kennt, ist voll- kommen richtig ³1). Man kann auch zugestehen, daſs Herodot das letzte Erdbeben nach seiner Gewohnheit sicherlich erwähnt hätte, wenn er sich um die Zeit, in der es vorfiel und ganz Griechenland in Unruhe versetzte, in Athen oder sonstwo in Hellas aufhielt. Nur davon kann man sich nicht überzeugen, warum Herodot, wenn er im Winter 431/30 in Athen war, nicht mehr davon hätte Kunde erhalten sollen. Es wüäre doch seltsam, wenn man die Besprechung oder Erwähnung jenes Erdbebens und eine Beziehung desselben zu den Ereignissen des Som- mers 431 mit Eintritt des Winters 431/30 plötzlich für erloschen halten müſste. Noch seltsamer, wenn man erwägt, wie kurze Zeit erst nach dem Einfall der Lakedaimonier in Attika ver- strichen war, und wie unabweisbar die Vermuthung ist, die mittheilsamen Athener hätten dem wiſsbegierigen Herodot, falls er wirklich um diese Zeit nach Athen kam, auf sein Befragen auch nicht die geringsten Details vorenthalten. Ich glaube, man könnte also gerade das Gegen- theil aus dieser Stelle folgern, nemlich daſs Herodot nach jenem Erdbeben nicht in Athen ge- wesen sei. Uebrigens begnüge ich mich auch hier damit, die Beweiskraft des Argumentes er- schüttert zu haben. Ich halte es überhaupt nicht für angezeigt, auf Punkte von solcher Ge- ringfügkeit und zweifelhaften Evidenz eine Schlufsfolgerung von irgend welcher Tragweite auf- zubauen. Man könnte ja auch geltend machen, die Möglichkeit erscheine nicht ausgeschlossen, dals Herodot auch zu Thurioi von dem Erdstoſs auf Delos habe erfahren können. Es ist zudem noch gar nicht ausgemacht, ob es überhaupt noch in unserer Macht steht zu erfahren, ob Herodot, obwohl er ein Ereigniſs nicht erwähnt, nicht doch von ihm Kenntnis gehabt und etwa in Folge einer gewissen momentanen Nachlässigkeit oder irgend welches anderen Grundes, wie ja das Jedem passirt, die nachträgliche Aufzeichnung versäumt habe. Damit würde gut
Kauαμεοα velεα, oτι§ι τοεσι,◻⁵ Kμρμεοσα, oεr§ εα mπα bννοενα Kμαμεον, 1 6 B600009, Kμαμέιοοσςσ æαει.μ⁴εμνα Kimmerien ist das heutige Taurien und liegt zwischen dem Flusse Gerrhos und der Palus Maeotis. Da aber Herodot nach Norden zu bloſs bis an den Gerrhosfluſs gelangte(vgl. K. W. L. Heyse de Herodoti vita et itineribus. diss. Gött. 1826, S. 132. 133), so kann er das erwähnte Castell, das östlich von diesem lag, nicht selbst gesehen haben. Eine andere Stelle ist I, 167. Hier erzühlt Herodot, die Einwohner von Agyllai(Caere) seien in Folge einer von Tyrrhenern an gefangenen Karthagern verübten Schandthat von einer Landplage heimgesucht worden und als sie deshalb nach Delphi schickten, Io½ν oῦ⁷⁊Hcæςσ exεεoe ο‿εν, 5 M! vS o! AyuMlο τι erιτεαεεοαασι αα„ vxyloouo! dꝓœ&œ εμꝛενᷣνια α yνα ναμνεeᷣds eal drid Siuα. Herodot ist aber keinesfalls bis Agyllai vorgedrungen, wenngleich er die Erzühlung kaum anderswo, als in Italien erfahren haben wird. (Hierin berichtige ich meine Aufstellung in den N. Jahrbb. 115, S. 260).
³¹) Wie Stein, Wecklein und Bauer beide Notizen auf ein und dasselbe Factum glauben beziehen zu können, ist nicht recht einzusehen, selbst wenn man, wozu einige Stellen bei Thukydides die Berechtigung bieten, das 61ʃ 7r0618O0v des Thukyd. mit Wesseling zu Herod. VI, 98„laxius sumere“ will. Etwas gezwungen ist die Zurecht- legung von Lämmerhirt de Herodoti fide quaestiones. Haller Dissertation v. 1874.


