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1. Th. (1879)
Entstehung
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Schulden kommen zu lassen? Wie soll man zudem die Verweisungen erklären, die sich in grolser Anzahl finden und zeigen, daſs der Verfasser selbst bei Ausarbeitung der letzten Bücher den Inhalt der ersten noch recht gut im Gedächtniſs hatte? Von wem und wann endlich sind die nach der Kirchhoff'schen Hypothese ursprünglich getrennten zwei Theile des Werkes wieder vereinigt worden, ohne daſs man äufserlich die frühere Trennung bemerkt?

Ich glaube durch diese Erörterung gezeigt zu haben, daſs es nicht blinde Voreingenom- menheit war, die mich zur Ablehnung dieser Hypothese, soweit sie sich auf die ersten Bücher erstreckt, bewog.

Wenn ich jetzt auf Kirchhoffs Bemerkungen über die letzten Bücher übergehe, so komme ich zugleich auf ungezwungene Weise zur Beantwortung einer Frage, die ohnehin nicht zu umgehen wäre, nemlich, wo Herodot nach seiner Uebersiedelung nach Thurioi gelebt hat und wo er gestorben ist. Man begreift, daſs diese Frage deshalb von Wichtigkeit ist, weil man sich je nach der Natur dieses Ortes eine Vorstellung über die grölſsere oder geringere Leichtigkeit zu bilden im Stande wäre, mit der die Geschichten Herodots nach seinem Tode Verbreitung finden konnten. Seither nahm man meist an, und das lag in Ermangelung directer Nachrichten am nächsten, er sei in Thurioi bis an sein Lebensende geblieben. Nun hat aber auch hier Kirchhoff eine neue Ansicht aufgestellt, nemlich Herodot sei 431 nach Athen zurückgekehrt, Spuren seines dortigen Aufenthaltes seien an der Hand seines Werkes bis zum Jahr 428 zu verfolgen, und nichts stehe der Annahme im Wege, dals er daselbst auch gestorben sei.

Nun wissen wir ja über diesen Punkt eigentlich gar nichts(denn die überlieferten Nach- richten bringen sich auch hier wieder einmal gegenseitig um), und für Vermuthungen ist dem- nach der weiteste Spielraum. Ich muls indes gestehen, dals das Gewicht der Gründe Kirch- hoffs mich auch hier nicht hat nöthigen können, ihm beizupflichten. Es läſst sich sogar, wie ich glaube, wahrscheinlich machen, daſs Herodot seine letzten Lebensjahre nicht in Athen zu- gebracht hat.

Man hat seither eine Stelle(V, 77) ohne alles Bedenken als vollgültigen Beweis dafür genommen, daſs Herodot nach 432 zum mindesten noch einmal in Athen gewesen sei. In dem Jahre 433/32 sind nemlich die Propyläen vollendet worden, und Herodot beschreibt an jener Stelle ein zu Athen befindliches Weihgeschenk in der Art, daſs er sagt, es stehe gleich beim Eintritt in die Propyläen linker Hand, und darauf sei ein Epigramm angebracht, dessen Wort- laut er mittheilt. Die ganze Angabe macht den Eindruck, als sei sie aus Autopsie geflossen, um so mehr, als vorher Herodot sagt, die Ketten, mit denen die Perser die Griechen hätten fesseln wollen, seien bis auf seine Zeit(Ere αœ&e οε) an einer rauchgeschwärzten Mauer der Akropolis aufgehängt gewesen. Nun beweist aber weder eine Beschreibung im Präsens noch jene Formel, ohne andere Anhaltspunkte, das geringste für Herodots Autopsie ²⁹). Immerhin hat er jedoch diese Ketten selbst gesehen, da sie ja schon zur Zeit seines Aufenthaltes um 445 auf der Akropolis hingen; für das Weihgeschenk aber liegt die Sache so, dals wenn nicht andere gewichtige Gründe uns zwingen, eine Anwesenheit Herodots in Athen um diese Zeit anzunehmen, jene Angabe allein diese Kraft nicht besitzt ³0). Man braucht nur daran zu

²⁹) Zu diesem Urtheil bin ich in Folge einer genauen Untersuchung sümmtlicher hierhergehöriger Stellen ge- langt, die ich in Kürze an einem anderen Orte veröffentlichen werde.

³⁰) Ich will hier nur zwei Fülle anführen, um zu zeigen, daſs Herodot in ganz detaillirter Weise Gegenden, Gewohnheiten u. dgl. beschreibt, ohne sie selbst gesehen zu haben. IV, 12:d Lorl dy d Saudun