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1. Th. (1879)
Entstehung
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die Echtheit der Verse in der Antigone von jeher aus inhaltlichen wie sprachlichen Gründen den berechtigtsten Zweifel unterworfen worden ist. Ein Argument von irgend welcher Trag- weite kann man demnach erst auf sie bauen, wenn man ihre Echtheit in überzeugender Weise dar- thut. Aber selbst wenn dies gelingen sollte, wird eine Bezugnahme des Sophokles auf den Herodot nur dann glaublich erscheinen, wenn man von der dichterischen Fähigkeit des Tragikers und dem guten Geschmack seines Publikums eine möglichst schlechte Meinung sich zu bilden versucht hat. Ich will gar nicht darauf hinweisen, wie sonderbar eine Huldigung ist, die darin besteht, daſs Worte aus dem Werke eines andern an gänzlich ungeeignetem Orte den schön- sten Frauencharacter entstellen, den der grölſste Tragiker des Alterthums geschaffen. Aber wenn das athenische Theaterpublicum die Geschichte von Intaphrenes Gattin, etwa aus Vor- lesungen, kannte, so muſste es doppelt unangenehm durch jene Verse berührt werden, deren plump zu Tage tretende Absichtlichkeit auch dem wenigst Zartfühlenden unerträglich in die Ohren klang. Und gerade dies hätte Sophokles vorhersehen müssen; ich meine, er würde sich wohl gehütet haben, in diesem Falle eine so wenig feine Anspielung auf jene Erzählung einzu- fügen. Ich unterlasse es, die naheliegenden Schluſsfolgerungen hieraus zu ziehen. Denn ich halte die Verse aufser vielen anderen Gründen schon deshalb für unecht, weil es dem Dichter nicht schwer fallen konnte, wenn er denn dem Herodot von der Bühne herab indirecte Compli- mente machen wollte, dies in einer geschickteren und delicateren Form zu thun. Und kaum wird jemand den Sophokles für so baar alles berechtigten Egoismus halten, daſs er glaubt, er habe die Sorge um die Aufnahme seines Stückes der Rücksicht auf einen Freund geopfert, der in Athen bekannt und vielleicht auch beliebt genug war, wenn er wirklich um jene Zeit seine ersten Bücher vorgelesen hatte. Daſs sich in den ersten zweieinhalb Büchern in der That Spuren von Herodots Reisen in Unteritalien und sogar Stellen finden, die nur in Italien ge- schrieben sein können, glaube ich schon in den N. Jahrbb. 115, S. 259 ff. erwiesen zu haben; fast gleichzeitig hat A. Bauer die meisten der von mir entdeckten Stellen ebenfalls bemerkt und in dem nemlichen Sinne verwerthet. Was den Inhalt der Vorlesung- Herodots zu Athen bildete, ist am Ende gleichgültig, und jeder mag sich je nach seinem Gut- dünken darüber seine Vorstellungen machen. Es ist indes schon von anderer Seite darauf aufmerk- sam gemacht worden, daſs es gewils merkwürdig sei, wenn die Athener das Anhören der in den ersten 2 ½ Büchern enthaltenen fremdländischen Geschichten mit 10(oder nach Krüger's Emendation mit 4) Talenten bezahlt hätten. Die Beweiskraſt der Bemerkung in III, 80 glaube ich schon oben, S. 11, abgeschwächt und ebendaselbst auch den Nachweis geliefert zu haben, daſs eine bewuſste Verherrlichung des Perikleischen Regimes von Seiten Herodots gerade in jener Rede undenkbar sei. Zum Schluſs will ich noch auf eine Consequenz der Hypothese auf- merksam machen, auf die noch nicht nachdrücklich genug hingewiesen ist. IIII, 113 soll vor dem Jahr 442 in Athen allgemein bekannt gewesen sein. Nach circa 10 Jahren fährt der Autor fort an seiner Erzählung weiterzuschreiben. Wenn er nun sein Versprechen betreffs der A4000 16o wirklich vergessen haben soll, so muſs man nothgedrungen statuiren, Herodot habe überhaupt die ersten 2 ½ Bücher nach ihrer Veröffentlichung nicht mehr angesehen. Denn hätte er dies gethan, so wäre er an sein Versprechen wieder erinnert worden, und hätte es entweder erfüllen oder auslöschen müssen. Ist es aber nicht selbstverständlich, daſs Herodot, selbst wenn er nicht das erstaunlich schlechte Gedächtnis hatte, daſs man ihm aufnöthigen will, bevor er nach 10 Jahren fortfuhr, sich das, was er vor langen Jahren geschrieben, einmal an- sah, um zu wissen, wo er fortzufahren habe, und um nicht unliebsame Wiederholungen sich zu