voraussetzte. Es bliebe zunächst nur der Gedanke an Widersprüche, die Herodot bei seinen Vorlesungen erfahren habe. Auch diese Interpretation trifft aber nur zum Theil das Richtige. Denn Widerspruch, der gegen Herodot persönlich geüulsert worden wäre, würde nothwendig zu der Voraussetzung führen, der Inhalt jener Gespräche sei in Griechenland entweder von Herodot zuerst oder in einer noch nicht gekannten Version erzählt worden. In beiden Fällen hätte er, da es ihm so sehr auf den Wahrheitsbeweis ankam, seine Quelle angeben müssen. Er thut dies auch sonst, und hier fiel es ihm offenbar um so leichter, als dieselbe keine griechische war, also auch keinen Nachtheil davon zu fürchten brauchte. Da Herodot aber keine Quelle nennt, so kann die Annahme, er habe Widerspruch erfahren, allein zur Erklärung nicht aus- reichen. Aber Herodot kann die Gespräche auch nicht selbst erdichtet haben. Dann hätte er gemäls seiner Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe unzweifelhaft(wie er dies auch anderwärts thut), selbst angegeben, dies sei seine persönliche Ansicht; zum mindesten hätte er jene Be- theuerung bei Seite gelassen, die Gespräche hätten in dieser und in keiner anderen Form statt- gefunden. Er muls an die Echtheit derselben fest geglaubt haben. Mit Recht hat man zwar neuerdings wieder darauf hingewiesen, daſs man in der Staatsform, wie sie III, 83 geschildert wird, ein Abbild der Machtstellung des Perikles erblicken könne. Man darf indes nicht be- haupten, Herodot habe jenes Capitel wissentlich in der Absicht eingeschwärzt, um dem von ihm persönlich verehrten Staatsmanne ein Denkmal zu setzen. Das ist gänzlich unvereinbar mit der sonstigen Natur unseres Schriftstellers. Man kann aber auf der anderen Seite den Inhalt jener Gespräche nicht für historisch halten. Auch der Kurzsichtigste mufs ja bemerken, daſs die Reden gänzlich von orientalischen Anschauungen abweichen und mit griechischen Vorstel- lungen förmlich durchtränkt sind. Bauer Entst. S. 11 meint, unter den 2νονοσ Ealzwes seien andere Schriftsteller zu verstehen, die jene Gespräche ebenfalls, aber unter Aeufserung von Zweifeln erzählt hätten. Wer sollen aber die gewesen sein? und selbst wenn man die Richtig- keit dieser Annahme zugesteht, erscheint es mir mehr als zweifelhaft, ob Herodot, den Hekataios allenfalls ausgenommen ²⁵), einen andern Schriftsteller benutzt habe 26). Ich glaube, es bleibt uns nichts anderes übrig, als anzunehmen, diese Gespräche über die beste Staatsform seien schon längere Zeit in Griechenland in Umlauf gewesen, ohne daſs ihr Erfinder weiter bekannt war. Möglich, daſs sie einen Rhetor oder Sophisten, wie Bähr zu III, 80 meint, zum Verfasser hatten. Man benutzte sie als Gewand, um darein die gebräuchlichsten Staatsformen nach ihren Licht- und Schattenseiten bequem kleiden zu können. Gerade der Gegensatz nun der äuſseren Scenerie zu dem Inhalt der Gespräche erweckte Widerspruch, und es mag in politischen Kreisen für
2⁵) Die Zweifel darüber, ob Herodot überhaupt die Werke des Hekataios selbst in Hünden gehabt, findet man am bündigsten zusammengestellt in der Bonner Dissertation von F. Benedict„De oraculis ab Herodoto commemoratis“ 1871, S. 11 f.
²⁶) Sehr besonnen lautet eine Bemerkung Rawlinson's I, 34: Modern, accustomed to the ready multiplication of books which the art of printing has introduced, and living in times when even writer who makes any pretence to learning is the owner of a library, are apt to imagine that the facilities of reference common in their own day, were enjoyed equally by the ancients; but such a view is altogether mistaken. Books, till long after the time of Herodotus, were multiplied with difficulty an were published more by being read to audiences than by the tedious and costly process of copying. Herodotus, it is probable, possessed but few of those cumbrous collections of papyrus rolls which were required in his day to contain a work of even moderate dimensions.(Er führt in einer Anmerkung die Thatsache an, daſs nach Ovids eigener Erklärung in d. Trist. I, 177 dessen Metamorphosen 15 Rollen ein- nahmen.) The only prose writer whom he quotes is Hecataeus; and we have no direct evidence that he had it in
his power to consult the works of any other Greek historian. Vgl. auch Mure IV, S. 39. 2*


