wäre, so lange sein Urheber noch das Vermögen besaſs es zu vollenden. Das ausgebildete feine Schönheitsgefühl der Hellenen hätte jeden derartigen Versuch mit Befremden zurückge- wiesen. Weshalb auch hätte Herodot sich beeilen sollen, da er noch in rüstigem Alter stand und hoffen durfte, in liebevoller Hingabe und ungestörter Muſse sein Werk zu der Abrundung zu führen, die er gegenüber dem Sinne seiner Zeitgenossen für plastische Vollendung für noth- wendig halten muſste? Doch braucht man letztere Berechnung nicht einmal bei ihm vorauszu- setzen. Ist es ja doch ein characteristisches Kennzeichen der Schriftsteller aus der klassischen Zeit der Griechen, daſs sie sich in anspruchsloser Begeisterung der Ansarbeitung ihrer Werke widmeten, ohne daſs die Rücksicht auf den Erfolg derselben sie in dieser oder jener Richtung beeinfluſst hätte ²²).
Ich habe mich jetzt noch mit zwei Ansichten abzufinden, die sich von der hier vorge- tragenen erheblich unterscheiden.
Die erste ist die Rawlinson's. Derselbe geht aus von zwei Stellen des Herodot. III, 80 sagt dieser, die Unterredung der gegen die Magier verschworenen Perser scheine zwar einigen Hellenen unglaubwürdig, sei aber dennoch gehalten worden; und VI, 43 führt er eine Maſsregel des Mardonios ausdrücklich als Argument gegen diejenigen an, die nicht glauben wollten, Otanes habe bei jener Berathung den Vorschlag gemacht, die Demokratie in Persien einzuführen 2³). Rawlinson(Herodot. I, 22) meint nun, diese Aeuſserungen seien Repliken, die Herodot bei der Veranstaltung einer zweiten Ausgabe mit Rücksicht auf diejenigen zuzusetzen für gut befunden habe, denen nach der ersten Veröffentlichung des Werkes der Inhalt jener Gespräche nicht glaubwürdig erschien. Er versucht sogar S. 23 den Wortlaut von III, 80 nach der vermeint- lichen ersten Ausgabe wieder herzustellen 24). Davon kann natürlich nach dem oben Erörterten nicht mehr die Rede sein; es fragt sich nur, wie wir die Stellen zu erklären haben. Man
möchte nun versucht sein, die etwas empfindlichen Aeuſserungen, die unstreitig auf erfahrenen Widerspruch hindeuten, auf Zweifel zu beziehen, die die Freunde des Geschichtschreibers nach Erlangung einer Abschrift diesem gegenüber laut werden lieſsen; um ähnlichen Bedenken bei andern Lesern zu begegnen, denen er nicht persönlich Belehrung ertheilen konnte, hätte er dann jene Zusätze gemacht. Dies könnte allenfalls denkbar erscheinen, jedoch war alsdann der Hinweis auf die 2vιοα Eaν nicht nur überflüssig, sondern für Herodots Beweisverfahren sogar nachtheilig. Die ganze Art, in der er von diesen zνιο Laro spricht, führt vielmehr darauf hin, daſs er die Thatsache des Widerspruchs bei der Mehrzahl seiner Leser als bekannt
²²) Treffend bemerkt Bernhardy Gr. d. Gr. Lit. I, 31:„Die groſsen Wortführer der Nation wurden nicht durch Ruhmsucht oder durch den Drang nach Unsterblichkeit angeregt, sondern hatten den Trieb ihren Interessen an Ver- gangenheit und Gegenwart einen bleibenden Ausdruck zu geben, und den Schatz gereifter Erfahrungen und Einsichten, soweit er aus den fruchtbarsten Stimmungen in Prax und Reflexion gewonnen war, als eine Summe des individuellen Besitzes den Zeitgenossen und der Nachwelt zum Verständnis des menschlichen Lebens mitzutheilen. Der antike Künstler blieb unabhüngig und nahm, wie sehr ihn auch Vorgänger bestimmten, seinen eigenen Weg, aber er verwandte die volle Geisteskraft auf sein Werk, und selbst ein mäfsiger Stoff beschäftigte seine besten Lebensjahre. Diese Selbstbeschrünkung und Genügsamkeit führte zur sicheren und gewissenhaften Vollendung.“
2) III, 80 xαν έννρμααν ⁴⁶eχιι υμιισνοοι εμν ενυοσα ̈νααλμνṽχκν εαέιμνιυωαά σ⁴dv. VI, 43:&ᷣανa eᷣιαστιο 9,ᷣli 896 TOG, 1 qõð‿οdεαοαιαμες̈νμα Eνμ̈ LlOGεσνꝙ τονσσ—wἀnrè Orve ‿νηνmμeᷣdεεααεα ToOεοεν 2„ dfuorœ᷑εες σαό ZJ—Iᷣοσłασm.
²4) Rawlinson's Ansicht ist auch von O. Nitzsch im Programm des Gymnasiums und der Realschule zu Biele- feld 1873 wiederholt worden. Ich habe dasselbe bis jetzt nicht erhalten können.


