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Eindruck, dals die vorliegende Redaction von dem Geschichtschreiber selbst nur als eine vor- läufige angesehen wurde. Was ihn an der endgültigen Gestaltung verhindert hat, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen; wahrscheinlich der Tod, der ihn überraschte, während er im Vertrauen auf seine durch so viele gefährliche Reisen erprobte Kraft jenes Geschäft noch glaubte hinausschieben zu dürfen. Seine Gesundheit war vielleicht doch durch dieselben unmerklich untergraben worden, und sein Selbstvertrauen erwies sich, wie bei so manchem andern kühnen Reisenden, als trügerisch.
Unsere aus der Natur des Herodotischen Werkes abgeleitete Schluſsfolgerung wird durch einen Blick auf die damaligen litterarischen und publicistischen Verhältnisse nur bestätigt. Man kann ruhig behaupten, daſs es im 5. Jahrhundert kein eigentliches grölseres Lesepublicum ge- geben hat. Die damalige Bildung empfing ihre Impulse und ihre Nahrung fast einzig und allein aus dem Leben in der Oeffentlichkeit. Wer uns glauben machen wollte, im 5. Jahr- hundert(in unserem Falle vor 424) sei es denkbar, dals ein umfangreiches, auſser dem Kreis der hergebrachten, auf Alltägliches beschränkten Lectüre liegendes Werk von einer gröſseren Zahl von Menschen gelesen wurde, mülste erst den Nachweis führen, daſs damals schon die Verhältnisse in dieser Beziehung ebenso lagen, wie im 4. Jahrhundert.
Es ist deshalb auch nicht zweifelhaft, dals der dürftige Buchhandel der damaligen Zeit gar nicht in der Lage war und auch keine Neigung haben konnte, das umfangreiche und bei der Kostbarkeit des Materials jedenfalls enorm theuere Geschichtswerk zu übernehmen und zu ver- treiben. Die spärlichen Nachrichten der Alten über das Bücherwesen im 5. Jahrhundert sind bekannt; man findet sie schon bei Böckh, Staatshaushalt der Ath. 12², S. 68 ff.; die späteren Be- handlungen dieses Gegenstandes haben nichts Neues oder Gewinnbringendes ergeben. Aus diesen vereinzelten, oft undeutlichen Notizen, die sich zudem meist auf die letzte Zeit des pelo- ponnesischen Krieges beziehen, scheint aber mit annähernder Sicherheit erschlieſsbar nur der Handel mit Schulbüchern und unbeschriebenen Büchern.(Mit der Stelle aus Plat. Apolog. 26 D. lälst sich gar nichts anfangen.) Für alles Weitere füllt der Beweis dem Behauptenden, nicht dem Leugnenden zu.
Aus dem Gesagten geht hervor, dals eine Erörterung über Herausgabe oder Nichtheraus- gabe eigentlich gegenstandslos ist. Ich würde auch kein Wort darüber verloren haben, wenn man sich nicht theilweise in solchen Dingen gewöhnt hätte, moderne Auschauungen und Ge- wohnheiten unmerklich ins 5. Jahrhundert zu übertragen. Man könnte sich jedenfalls das, was man Herausgabe zu nennen beliebt, nicht unscheinbar genug vorstellen; kaum mehr denn als Abschriften, die sich Freunde und Verehrer Herodots entweder selbst machten, oder von Scla- ven anfertigen lieſsen. Ob ihr Enthusiasmus in der That so groſs war, will ich dahingestellt sein lassen. Unter allen Umständen blieb aber das Urexemplar in den Händen des Verfassers.
Es bedarf keines weiteren Hinweises darauf, daſs auch die Herausgabe eines Theils des Geschichtswerkes hiermit durchaus unwahrscheinlich wird. Eine solche Veröffentlichung in Bruchstücken, etwa nach Art unserer modernen Herausgabe in Bänden, hat man überhaupt noch längere Zeit nach Herodot nicht gekannt. Zudem mulste diesem Alles daran liegen, wenn er nicht seinem eigenen Vorhaben untreu werden und die tragende Idee seines Werkes bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen lassen wollte, es ungetrennt zu lassen. So nur durfte er ver- nünftiger Weise hoffen, daſs der Plan des Ganzen erkannt und gewürdigt werde. Er hatte auch nirgends in der Litteratur oder in der Kunst ein Beispiel vor Augen, dalfs je ein unvoll-
ständiges, mangelhaftes Erzeugnis des Geistes oder der Phantasie an die Oeffentlichkeit gelangt 2


