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auszufüllen, kurz um ihm eine möglichst fehlerfreie Form zu geben. Es ist nicht einzusehen, weshalb die alten Autoren, also auch Herodot, von dieser Gewohnheit abgewichen würen.
Man ist nun darüber einig, daſs die verschiedenen Partien Herodots durchaus nicht einer- lei Gepräge zeigen, sondern daſs jenes mit mehr, dies mit weniger Sorgfalt ausgearbeitet zu sein scheint, daſs manche Theile sogar eine auffallende Unordnung aufzuweisen haben. Kirchhoff würde vielleicht diesen Umstand dadurch zu erklären suchen,„daſs die stilistische Kunst Herodots vom Anfang an in einer stetigen Entwickelung begriffen sich zeige und von- der naiven Unbeholfenheit, welche den ersten Theil kennzeichne, sich im Laufe des zweiten zu immer bewulsterer Freiheit und Gewandtheit hindurcharbeite“. Es wäre jedenfalls interessant, den Beweis für diese Behauptung(s. d. Vorwort zur 2. Aufl.) kennen zu lernen. Bis dahin liegt es näher, auch diesen Umstand auf die ursprünglich getrennte Abfassung einzelner Theile zurückzuführen, deren jeweiliger Character durch die Besonderheit des Ortes und der Verhält- nisse, unter denen sie entstanden, durch die Stimmung des Verfassers bei ihrer Niederschrift und hundert andere denkbare Momente sein specielles Gepräge erhielt. Wenn Herodot nun die einzelnen Stücke zusammenarbeitete, so kann man sich denken, daſs er froh genug gewesen sein wird, dies heterogene Material glücklich in ein Werk vereinigt zu haben. Man wird des- halb nicht fordern, daſs er jetzt sogleich der schwierigen Aufgabe sich unterzogen hätte, durch eine systematische Umarbeitung den Grundcharacter des ganzen Werkes auch bis in den klein- sten Abschnitt zum Ausdruck zu bringen. Auch wird kein Mensch dem Verfasser es verargen, wenn kleine Versehen und Widersprüche ihm beim Durchlesen vor der Herausgabe entgingen. Es ist aber nicht denkbar, dals so viele und so bedeutende Widersprüche und Lücken, wie es in der That der Fall ist, sich fänden, wenn das uns vorliegende Werk wirlelich fertig zur Heraus- gabe hergerichtet wäre. Wie konnten z. B. V, 11. 23. 30 die detaillirten Personalien des Histiaios dreimal in der nämlichen Erzählung stehen bleiben, zumal da man schon IV, 137. 138. 141 er- fährt, wer er ist(vgl. Schöll im Philologus X, 428). Warum strich nicht Herodot VII, 3 die zusammenfassende Notiz über Demaratos, da ja doch kurz zuvor VI, 61—70 ausführlich von ihm die Rede gewesen war? Wie konnte VI, 112 bei Schilderung der Schlacht bei Marathon etwas über die Athener erzählt werden, was Stellen, wie I, 169. V, 2. 102. 110. 113. 120. VI, 28 f. offenbar widerstreitet? Ebenso auffallend bleiben die Widersprüche zwischen VII, 10 und I, 140; VII, 111 und IV, 80. 92; VII, 61 und I, 7; VII, 149 und V, 75; VIII, 104 und I, 173(ich halte die Stelle im VII. Buche für echt); IV, 174 und 183; IV, 18 und 53. Vgl. auch Stein zu IV, 102, 6; 122, 11; 124, 3; 125, 25; 130, 3; 133, 7; 140, 12. Den Zusammen- hang vermiſst man III, 48, 3; 127, 2; 180, 1; IV, 145; V, 7, 2; IX, 77, 1(vgl. Stein's An- merkungen zu den Stellen). Auch erfüllt Herodot nicht immer, was er versprochen. II, 161 verspricht er eine Sache ν τοιαι τιι⁵‿υαυιοιοσι νmσοο eνmmγοεεοσοα, an der Stelle aber, die er im Sinne hat, findet sich kein Beweis(dæνννος), sondern eine recht dürftige Bemerkung(vgl. Stein's Note z. d. St.; Jäger, a. a. O. S. 14). Man kann überhaupt Schöll(Philol. IX, 212) nicht ganz Unrecht geben, wenn er meint, die 2 νᷣα 16„O seien eigentlich nur eine trockene Aufzählung von Dingen, Thieren, Völkern und Ländern, und hätten ganz das Aussehen einer noch rohen, unbearbeiteten Stoffsammlung(vgl. auch Stein's Anm. zu VII, 137). Ferner ver- spricht Herodot VII, 123, die andere Version über den Tod des Ephialtes in einem späteren Theile zu erzählen(ey rοrον ⁶eιινεν 2⁶*οσε eιααν⁶). Hiervon findet sich jedoch bekanntlich weder später noch überhaupt in dem Werke die leiseste Erwähnung. Man kann nun allerdings die Worte Rawlinsons(I, 96) zu den seinigen machen:„his work, though not finished, was


