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1. Th. (1879)
Entstehung
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Das auf diese Weise im Einzelnen hergerichtete Material hat dann Herodot später, als er den Plan zu seinem umfassenden Werke falste, verknüpft und zusammengearbeitet. Die Noth- wendigkeit, innerhalb des gegebenen, wenn auch noch so weit gespannten Rahmens die ver- schiedenartigsten Dinge zusammenzufassen, lälst es nur erklärlich erscheinen, wenn nicht an allen Stellen ein glatter Uebergang zu ermöglichen war und man in einzelnen Fällen noch recht deutlich erkennen kann, wie der Schriftsteller, nur um eine Erzühlung unterzubringen, eine Anknüpfung förmlich herbeizog. In dem Nachweis der einzelnen Spuren des Zusammen- arbeitens liegt meines Erachtens das Hauptverdienst von Bauers Arbeit, obschon man auch hierbei in manchen Einzelheiten nicht mit ihm übereinstimmen kann. Ich will noch bemerken, daſs es durchaus verkehrt ist, den Anhängern der Logentheorie zuzumuthen, alle 16y 0 blank und säuberlich aus den oft überallhin versprengten Bruchstücken zusammenzuleimen. Es ist das in vielen Fällen schon ldeshalb nicht möglich, weil die einzelnen Bruchstücke der 16)y ο naturgemäſs bei ihrer späteren Verwendung ihre ursprüngliche Fassung nicht unwesentlich ver- ändern muſsten; sodann aber brachte Herodot, wie man sich denken kann, bei der Zusammen- arbeitung eine Masse Notizen und Details an, die vorher in keinem 16ys enthalten waren: die Beachtung letzterer Erwägung macht bei ganzen Partien die Reconstruction für den vorsichtigen Arbeiter unmöglich. Ich erkläre ferner ausdrücklich, daſs ich als Zeit der Zusam- menfassung der Einzellogen die letzten Lebensjahre Herodots annehme, im Gegensatz zu Bauer, der glaubt die Annahme einer Schluſsredaction mit Anerkennung der von Kirchhoff aufgestellten chronologischen Folge von Herodotstellen vereinigen zu können. Dals die letztere nicht halt- bar ist, werde ich unten nachweisen. Man wird unzweifelhaft, wenn man diesen Einblick in die Entstehung des Werkes gewonnen, begreifen, wie die sonderbaren Uebergänge und die stets wiederkehrenden langschweifigen Einschachtelungen zu erklüren sind, die uns befremden und immer wieder von dem Faden der Erzählung ablenken ²⁰).

Jetzt erhebt sich die Frage: Hat Herodot die Zusammenarbeitung bis zu der Stufe ge- bracht, daſs er das Werk für publicationsfähig halten konnte? Ich beantworte diese Frage mit nein und zwar aus folgenden Gründen.

Ich glaube, man setzt als selbstverständlich voraus, daſs Jedermann, bevor er etwas ver- öffentlicht, es einer genauen Durchsicht unterwirft, um etwaige Widersprüche zu tilgen, Lücken

Herodot die einzelnen Geschichten anfangs nur verfaſst hat in anspruchsloser Freude an dem Gehörten und Gesehenen und in unwillkürlichem Drange, die zahlreichen und merkwürdigen Früchte seiner Reise- und Forschungslust für sich zu fixiren. Erst als er sah, mit welcher theilnehmenden Wilsbegierde man überall seinen Erzühlungen lauschte, wel- chen Zauber seine schmucklose Darstellung auch auf eine gröſsere Menge ausübte; als ihm ferner persönlich durch immer aus- gedehntere Reisen und immer ausgebreitetere Kenntnisse der Gesichtskreis sich weitete und der groſse Zwiespalt inner- halb der damaligen civilisirten Welt als treibende Ursache der letzten grolsartigen Kümpfe sowohl wie der früheren Entwicklungen erschien: erst von da an, meine ich, begann er seine Aufzeichnungen zu ordnen und nach einem grundbildenden Gedanken aneinanderzureihen.

*) Selbst Creuzer, der in seiner hist. Kunst d. Gr.*, S. 110 von demschön organisirten Körper des Werkes spricht und S. 111 dieGeschicklichkeit überraschend findet,womit Herodot die Episoden an das Ganze reiht, muſs zugeben(Her. u. Thukyd. S. 61), dalsHerodot, der Geschichtsschreiber der Nation, in diesen Episoden so oft bei den Schicksalen einzelner Menschen und Familien verweilt, dals der Leser oft beinahe zu vergessen anfängt, diese Erzählungen seien Theile einer groſsen National- oder vielmehr Weltgeschichte. Viel strenger sprechen sich Mure IV, S. 468 und Rawlinson I, S. 86 ff. aus. Die Bemerkung Mure's S. 469, die Alten hätten nicht, wie wir, die Ge- wohnheit gehabt, Dinge, die nicht streng zur Sache gehörten, in Anmerkungen unterzubringen, ist richtig, es wird aber Niemanden einfallen und ist auch Mure nicht in den Sinn gekommen, auf diese Weise das Anstölsige bei allen Episoden erklären zu wollen.