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1. Th. (1879)
Entstehung
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wenn vom siebenten Buch auf das erste, vom sechsten auf das dritte, vom fünften auf das achte, vom 101. Capitel auf das 149. Capitel des zweiten Buches etc. verwiesen wird, so hat das offen- bar nur Werth für jemand, der das Werk ganz in der Hand hat. Es ist nun aber anerkannt, daſs Herodot Vorlesungen von Theilen seines Geschichtswerkes veranstaltet hatis). DasVorhandensein und die weite Ausdehnung jener Verweisungen läſst sich aber schwer vereinen mit der Annahme, als seien sie schon in der für den öffentlichen Vortrag bestimmten Recension enthalten gewesen. Wir kommen somit ganz von selbst zu der Vermuthung, daſs Herodot zuerst einzelne Abschnitte vorgelesen und dieselben später vereinigt und überarbeitet hat: eine Vermuthung, die dadurch um so mehr Wahrscheinlichkeit empfängt, daſs viele jener Verweisungen erst entstanden zu sein scheinen, nachdem der Verfasser in der Lage war, das Ganze überblicken zu können.

Es ist aber auch aus andern Anzeichen schon längst erkannt, daſs die jetzige Ordnung nicht die ursprüngliche sein kann, sondern daſs von Herodot erst Einzeldarstellungen verfalst und nachher zusammengearbeitet worden sind ¹4). Da sind vor allem hervorzuheben die letzten drei Bücher, die die Geschichte des Xerxeszuges enthalten und welche sicher früher abgefaſst sind, als das meiste, was ihnen jetzt vorangeht. Die Gründe hierfür sind am besten auseinan- dergesetzt von A. Schöll im Philologus IX, S. 203, 206 ff. X, S. 29. 247 und A. BauerEnt- stehung etc. S. 42 ff. und 129 ff. ¹⁵); ich verweise auf sie, um nicht ohne Noth zu wiederholen, was schon gesagt ist, obschon ich, besonders mit letzterem, in einigen Punkten nicht einer Meinung bin. Noch evidenter ist die Sache bei dem zweiten Buche, dessen ursprüngliche Selb- ständigkeit und spätere rein mechanische Einfügung zuerst von M. Büdinger ¹⁶) in überzeugender Weise dargelegt worden ist. Dessen Schüler A. Bauer hat sodann dasselbe eingehend be- trachtet ¹-) und die ursprüngliche Selbständigkeit mit Gründen, die freilich zum Theil schon

Jeyeud da dudoτνυν em, v d†oe. II, 123 10ν SyG&l6de OLεᷣαa otO⁴‿α IV, 195 1. ει 6yeras NO⁴᷑νm. VI, 53 zA⁴ε æœαd ν eᷣyεμᷣ αO. VII, 214 πDBJÜa!reorO⁴. Bemerkenswerther Weise ist die letztere Stelle die einzige in den Büchern VIIIX, woOdoσ in dieser Weise vorkommt. Hält man mit Bauer (Entstehung etc., S. 144) diesen Passus für einen späteren Zusatz des Verfassers(wozu man vollständig berechtigt ist, da H. Stein anderweitig die Existenz solcher Zusätze nachgewiesen hat. Siehe dessen praefat. p. XLIII sq. der krit. Ausg. u. Note zu IX, 83), so könnte dieser Umstand als erwünschte Stütze für die ohnehin naheliegende Vermu- thung angesehen werden, die letzten drei Bücher hätten den Gegenstand der Vorlesung Herodots zu Athen gebildet.

¹3) Denn hierauf muſs man selbstversändlich diejenigen Nachrichten der Alten reduciren, die ihn das ganze Werk vorlesen lassen.

¹⁴) So von Dahlmann, Forschungen II, S. 217. Jäger in der Göttinger Dissertation von 1828:De Herodoti vita et itineribus S. 11 ff. K. O. Müller kl. Schr. I, S. 36. Literaturgeschichte, S. 482 fl. Böckh in Raumers antiqu. Br. 1851, S. 17. A. Schöll im Philol. IX, S. 23 und 202 ff. Rawlinson I, S. 28 Anm. 5 u. Anm. zu VII, 1. Bähr zu VIII, 104 und im IV. Band, S. 409.

¹5) Beistimmend M. Büdinger in der AbhandinngZur ägyptischen Forschung Herodots in den Sitzungsber. der phil.-hist. Cl. d. Akad, d. Wiss. zu Wien. Bd. 72, S. 563 ff. und Wecklein in den Sitzungsber. der philos.-philol. u. hist. Cl. d. Akad. der Wiss. zu München 1876, Bd. I, S. 271.

16) a. a. O. S. 563 ff.

¹¹)Entstehung etc. S. 27 60. Das zweite Buch ist nach meiner Ueberzeugung nicht in Athen, wie Bauer mit Kirchhoff will, sondern in Unteritalien geschrieben. Denn die vergleichende Anziehung der Entfernung vom Zwölfgötteraltar zu Athen nach Pisa(II, 7) kann auch aufserhalb Athens geschrieben sein, zumal da es höchst zwei- felhaft erscheinen muſs, ob Herodot diese Entfernungen selbst gemessen und nicht vielmehr von den ägyptischen Priestern acceptirt habe, die ja auch sonst bei ihm Proben von Kenntnis Griechenlands an den Tag legen. Die verletzende Aeufserung über Aischylos(II, 156) lälst freilich auf Bekanntschaft mit den Werken dieses Dichters schlieſsen, und diese Bekanntschaft mag er sich immerhin in Athen erworben haben, wenngleich das auch in Unteritalien möglich war, allein in dem Ausdrucke selbst liegt nicht die geringste zwingende Veranlassung, seine Niederschrift in Athen anzunehmen. Da-