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Werk auszudehnen, erscheint zu gewagt. Denn die Form, in der Herodot sein Vorhaben an- kündigt, ist so unbestimmt gehalten, daſs sie keine untrügliche Handhabe zur Entscheidung jedes zweifelhaften Falles zu bieten im Stande ist, zumal da man Zweifel hegen darf, ob dieser Plan überhaupt schon von Anfang des Niederschreibens an dem Herodot vorgeschwebt habe ⁵). Für immer vorbei sind aber hoffentlich die Zeiten, in denen die Bewunderung für den Genius des Halikarnassiers sich zur Anlegung des epischen Mafsstabes an seine Gesammtgeschichten verstieg ⁹),. Die Erkenntniſs bricht sich immer mehr. Bahn, daſs auf den Namen eines Kunstwerkes nur einzelne bestimmte, wenn auch umfangreiche Theile der Arbeit Anspruch machen können, daſs aber die harmonische Gliederung des Ganzen weit hinter der Absicht des Urhebers zu- rückblieb.
Eine Entscheidung der Frage, ob Herodot sein Werk für fertig zur Herausgabe halten konnte, wird erst möglich sein, wenn wir wissen, wie er gearbeitet hat. Auch hier können wir mit den Nachrichten der Alten fast nichts anfangen, da sie theils den Stempel der Unglaub- würdigkeit an der Stirne tragen, theils sich untereinander in so unlösbare Widersprüche ver- stricken, daſs ein sicherer Ausweg aus diesem Labyrinth nicht zu finden ist. Zudem hat A. Bauer ¹⁰) mit scharfer Kritik dermaſsen unter denselben aufgeräumt, daſs man, mit Ausnahme einiger wenigen Daten, jetzt alles als Combinationen von Grammatikern anzusehen hat, die aber hierzu ebensowenig feste Anhaltspunkte besaſsen, wie wir.
Wenn wir uns jetzt zu dem Werke selbst wenden, so erkennen wir aus den überall an- gebrachten Verweisungen ¹¹), dals schon von Herodot selbst die einzelnen Theile seiner Ge- schichten in der heutigen Reihenfolge angeordnet worden sein müssen. Sodann ersehen wir, daſs das Werk in seiner jetzigen Gestalt nicht für Hörer, sondern für Leser berechnet ist ¹²). Denn
³) A. Kirchhoff„Ueber die Entstehungszeit des Herodotischen Geschichtswerkes“. 2. Aufl. 1878, S. 2. A. Bauer, Die Entstehung des Herodotischen Geschichtswerkes. Wien 1878, S. 3. K
²) Es ist nicht uniteressant, eine Probe hiervon zu hören: Meierotto i. d. mém. de l'acad. de Berlin 1792/93, S. 619 f.: Quel air de dignité Hérodot m'a-t-il pas su donner à son histoire par cette grande exactitude, par ces efforts de critique, cette délicatesse de coeur et de caractère! Mais il fallait, qu'il lui imprimAât ce cachet, afin qu'elle devint effectivement ce qu'il voulait en faire, l'institutrice des peuples, le juge des actions et des sentimens, le vengeur de T'innocence blessée et la dispensatrice impartiale d'une gloire méritée et éternelle. Wührend einer Reconvalescenz las Meierotto den Herodot nochmals in einem Zuge und da sah er doch ein, dals seine überschwängliche Meinung nicht haltbar sei. In einem Nachtrage sucht er darum nachzuweisen, Herodot habe aufser jener oben angedeuteten auch noch die Absicht gehabt, seine Zeitgenossen in die historische Kritik einzuführen. Von späteren nenne ich nur Creuzer, Histor. Kunstꝰ, S. 110 f.; vgl. hiergegen Bernhardy, Gr. d. Gr. Lit. 14, 31, 3. ¹0) A. Bauer, Herodots Biographie in den Sitzungsber. der Akademie der Wissensch. zu Wien, histor.-philol. Cl. Bd. 89, S. 391— 420. Auch als Separatabdruck. Wien 1878. ¹¹) I, 175 auf I, 107; I, 85 auf I, 34; II, 14 auf 11; II, 38 auf III, 28; II, 50 auf 43; II, 101 auf 149; II, 145 auf 43; II, 155 auf 59. 63. 67. 83. 133. 152; II, 161 auf IV, 159; III, 106 auf 98; IV, 1 auf I, 103. 106; IV, 81 auf IV, 52; IV, 129 auf 28; IV, 181 auf II, 42; V, 4 auf IV, 93. 94; V, 22 auf VIII, 28(hier ist allerdings das gegebene Versprechen nur unvollständig erfüllt); V, 36 auf I, 92; VI, 19 auf I, 92. 188. II, 159. V, 36; VI, 123 auf V, 63; VI, 93 auf I, 171;3 VII, 108 auf V, 1 ff. VI, 44 ff.; VII, 115 auf VII, 110; VII, 113 auf VII, 107; VII, 184 auf VII, 97; VII, 217 auf VII, 212; VII, 239 auf 220; VIII, 93 auf VIII, 87; VIII, 95 auf VIII, 79— 81. ¹²) Das scheint auch Dahlmann zu meinen, wenn er(Forschungen II, S. 111) sagt:„Herodot schrieb für ein lesendes Publikum, nicht für Zuhörer“. Schöll(„Herodots Vorlesungen“ im Philologus X, S. 419):„das ausgearbeitete Werk, das vor uns liegt, ist unleugbar für Leser geschrieben“. Eine weitere und sehr gewichtige Unterstützung hier- für bietet auch der Gebrauch des Wortes„αemρ◻ω, das der Schriftsteller wohl schwerlich in einem für Hörer verfaſsten Stücke angewandt haben würde: I, 95 G IIOG&ονν dεrεeεεεεοο έmπ GowG,..... xœra radra„Odνν II, 123 1*


