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1. Bei der Ueberlieferung brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten. Ptolemaios Chen- nos, ein Grammatiker aus der Zeit des Nero und des Nerva ³), von dem uns Auszüge in der Bibliothek des Photios erhalten sind, erzählte in seiner Schrift xe ũ&ls οαινμαάαά̈αάνꝙνηανν*ς ?oroolas, der Hymnograph Plesirrhoos, der Liebling und Erbe Herodots, habe dem Werke des letzteren das Prooimion hinzugefügt und der eigentliehe Anfang des von dem Geschichtsschreiber verfaſsten Textes sei gewesen: IIeOοσισν 26„+₰α etc. ⁴).
Derselbe Ptolemaios erzählt aber kurz darauf, Plesirrhoos habe sich erhängt, weil eine ge- wisse Nysia seine Liebe nicht erwidert habe. Deshalb verschweige Herodot den Namen von Kandaules Gattin(im I. Buch), weil derselbe ähnlich gelautet habe, wie derjenige der Geliebten des Plesirrhoos 5⁵).
Man sieht, beide Nachrichten widerstreiten sich bedenklich. Das einzige Mittel den Wider- spruch zu heben, wäre an letzter Stelle den Namen Plesirrhoos für einen späteren Zusatz zu erklären, so daſs sich die ganze Geschichte auf einen andern Liebling Herodots bezöge. Da aber in] der Ueber- lieferung der Name einmal steht, und auſserdem Ptolemaios im Punkte der Glaubwürdigkeit sich eines sehr schlechten Rufes erfreut, so sind wir gemöthigt, der Erzählung jede Beweiskraft abzuspre- chen und gänzlich von ihr abzusehen. Nicht verschweigen will ich jedoch, daſs K. O. Müller (a. a. O.) und Böckh ⁶) den Plesirrhoos wirklich für den Herausgeber des Herodot halten, aller- dings nicht sowohl auf die Autorität des Ptolemaios hin, als wegen der Beschaffenheit des Ge- schichtswerkes. La Roche*) sucht die Unechtheit des Prooimions zu erweisen.
2. Die Betrachtung des Werkes selbst erfolgt für unsern Zweck wohl am besten von dem Gesichtspunkte aus, dafs wir fragen, ob dasselbe in der äulseren Verfassung sei, daſs es sein Urheber ohne Bedenken dem Publikum vorlegen konnte. Hierbei würde gewils nichts ver- kehrter sein, als die strengen Forderungen zum Malſsstab zu nehmen, die man an ein modernes Werk zu stellen das Recht hat; allein andererseits wird man sich nicht denken können, daſs selbst in der Kindheit der Schriftstellerei ein so gewissenhafter Autor, wie Herodot, das Werk, dem er die besten Jahre seines Lebens gewidmet, mit Belassung auffallender Widersprüche, störender Wiederholungen und Lücken und unverständlicher Satzconstructionen den Händen der Abschreiber übergeben habe. Dieser Gesichtspunkt ist sicherlich fruchtbarer, als ein anderer, an den man leicht denken könnte, nemlich zu prüfen, ob Herodot den Plan, den er vor Augen hatte, nach jeder Richtung hin seinen ausgesprochenen Absichten gemäſs durchgeführt habe. Wir werden allerdings im Laufe der Untersuchung für einzelne Partien, aber nur in ganz offen- kundigen Fälllen, diese Erwägung nicht von uns weisen können, aber dieselbe auf das ganze
³) Vgl. über dessen Glaubwürdigkeit R. Hercher i. d. N. Jahrbb. f. Phil. u. Paed. Suppl.-Bd. I(1855— 56), S. 268 ff., J. J. H. Roulez Photiiz excerpta ex Ptolemaeo. Leipzig 1854. Nitzsch de prooemio Herodoteo. Greifs- walder Progr. 1860, S. 2 f.
⁴) Phot. bibl. 148, b: 42e IIA„G⁴οοωοοο 5 d⁴lαeαꝙ ĩꝙ) dρο 80εέ̈νοοο„ενννςρ æx mνλmονι⁴οςσ τ̈ν αετοο, oO5 T08 xouαεε τν ποοομμον i odie 1oτοοlae NMOO66 0b AAεααοναασεμασν ταiν νς eæεd αν v τνπντ⁴ο⁶ον 19⁶ν dων 1lεοασσν ε 76νιQ c˖Aolviæce alrloue qæoο„νενᷣοςσμάιωα mσισ /³ϑαοσ⁷σ.
*) Phot. bibl. 150, b: GαeιG2ά⁵α ε 1Oεο—*φά́" ie„vvMixνς bν Ho660ov, Smεν 5 Gεϊ νοο Hoοο⁶τον WMGα⁴οοοον Nvοlas sαoεlς dαωeuoolae 15„vog,&rs!) ruοι τmνσ&rαlοαmς, od« dverα νοςσ Ʒον dæυz̃d dνοτνοσςεε ι˙ gudεα νσα ς deπκ⁹ες ser 15 1 Noola 5„μαα lοο6οτον.
⁶) In Raumer's antiqu. Briefen 1851, S. 117 ff. Dies Citat nach Bähr, da ich das Buch nicht erlangen konnte,
*) Philologus XIV, S. 281. Vertheidigt wird die Echtheit des Prooimions von Nitzsch in dem oben erwähnten Programme.


