Druckschrift 
1. Th. (1879)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ChRALfio Loge

Hat Herodot sein Werk selbst herausgegeben? Erster Theil.

Obgleich heutzutage kaum jemand an der Nichtvollendung des herodotischen Geschichts- werkes zweifeln dürfte, so ist doch bis jetzt von keiner Seite die Frage näher erwogen worden, ob der Verfasser selbst sein Werk veröffentlicht habe. Man sollte meinen, die unfertige Form lasse es undenkbar erscheinen, daſs der Geschichtschreiber es in diesem Zustande publicirte; allein vermeintliche Anspielungen und Bezugnahmen auf dasselbe, die sich bei zeitgenössischen Schriftstellern finden sollen, haben die Ueberzeugung geweckt und bis auf den heutigen Tag genährt, dals um das Jahr 425/424 das Werk in Athen allgemein bekannt gewesen und gelesen worden wäre. Nun zeigt aber das Werk Spuren davon, daſs Herodot beinahe bis um diese Zeit an ihm gearbeitet hat. So finden wir denn die merkwürdige Erscheinung, daſs man zwar Herodot auf der einen Seite über der Redaction seiner Geschichten sterben oder aus Unlust die Feder wegwerfen läſst, auf der anderen Seite aber um die Zeit, wo er noch an dem Werke arbeitete, eine gewisse Publicität desselben in bester Form annimmt. Nur klein ist indels die Zahl der Schriftsteller, denen dieser Widerspruch zum Bewustsein gekommen ist ¹), und diese haben nur beiläufig und mit aller Reserve eine Bemerkung gemacht. Blols K. Otfr. Müller) hat unumwunden erklärt, dafs nach seiner Ueberzeugung Herodotsein Werk überhaupt nicht herausgegeben habe.

Wenn wir diese Frage entscheiden wollen, so müssen wir zunächst untersuchen, was das Alterthum selbst uns hierüber mittheilt, sodann was für Schlüsse aus dem eigenen Werke des Geschichtschreibers zu ziehen sind, und drittens, ob und inwiefern die Schriftsteller etwa bis zu Ende des peloponnesischen Krieges eine Bekanntschaft mit den Geschichten Herodots zeigen.

¹) Dahlmann, Forschungen I, S. 99 f., II, S. 261. Walter Rogge in Prutz,, lit.-hist. Taschenbuch von 1847, S. 150:so wird es auch wahrscheinlich, dals das Werk ein unvollendetes ist, und selbst die, in ihrer weiteren Ausfüh- rung freilich sinnlose, Sage, es sei erst nach des Verfassers Tode herausgegeben, gewinnt so einige Haltbarkeit. Mure, critical history of the language and lit. of anc. Greece* Vol. IV, S. 261(nachdem er über den Mangel jeglicher Er- wühnung Herodots vor Ktesias gesprochen):this silence of the contemporaneous public is certainly a strong argu- ment, that the promulgation of the history did not take place till a late period of the authors life, possibly;; not till after his death. Rawlinson, history of Herodotus I, S. 28.

²) Kl. dtsche. Schr. Breslau 1847, I, S. 36.

4