Druckschrift 
2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Fertigkeit auf unſeren Gymnaſien iſt. Im 16. bis 18. Jahrhundert bildete die Grundlage der lateiniſchen Schulbildung Cicero. Er gab den Stoff zu Vocabeln und Phraſen, zur Ueberſezung und zum Memoriren, für Sentenzen und für die Beiſpiele der Logik und Rhetorik, nach ſeinen Briefen wurden die Briefe der Schreibübungen verfaßt. Andere Proſaiker wurden daneben verhältnißmäßig wenig berückſichtigt; die Thätigkeit der Schulen war in erſter Linie auf die Aneignung ſprachlicher Fertigkeit gerichtet. Unſere Schulen wollen die Entwickelung des Denkens fördern, wir leſen neben Cicero noch Nepos, Cäſar, Livius, Salluſt, Tacitus, Ovid, Vergil, Horaz, wir beginnen die Cicerolectüre in der Regel erſt in Secunda, unterbrechen ſie Monate, Semeſter lang, wir beanſpruchen dabei den geſammten in der antiken Literatur liegenden Bildungsgehalt unſeren Schülern zuzuführen, mit der einzigen Beſchränkung, welche die Fähigkeit und Empfänglichkeit der Jugend ſteckt und doch hören wir noch recht oft ſagen, wir müßten noch annähernd ciceronianiſchen Stil bei unſeren Schülern erreichen. Aber wenn auch nicht beſtritten werden darf, daß Methode und Technik des Unterrichts gegen jene frühere Zeit vielfach fortgeſchritten iſt, den Nuzen, welchen die Einheit dort brachte, vermögen wir dadurch nicht zu erſezen. Der beſtändige Wechſel läßt keine Feſtigkeit der Gewöhnung, keine Stetigkeit der Muſter aufkommen, von denen die Schüler die Form des Ausdruckes und der Gedankenverbindung entnehmen und wodurch ſie ihrem Stil das eigen⸗ thümliche lateiniſche Gepräge verleihen können; der eben gewonnene Sprachſchaz geht durch längere Be⸗ ſchäftigung mit ganz anderen Ideenkreiſen wieder verloren.

Nun muß aber der Schüler ein Muſter für ſeinen Stil haben, und es ſoll dieſes Muſter auch heute noch außer Cäſar hauptſächlich Cicero ſein; denn nur ſeine Schriften werden von Secunda an durch alle Klaſſen geleſen und der Werth der ciceronianianiſchen Perioden für Geiſtesübung iſt auch heute unerſchüttert. Nach ſeinem Sprachgebrauche ſind die Regeln der Grammatik und Stiliſtik aufzu⸗ ſtellen und einzuüben, ſein Wortſchaz wird im Großen und Ganzen für uns maßgebend ſein. Aber jeden engherzigen Purismus müſſen wir perhorresciren, Cicero darf nicht als alleinige Sprachguelle gelten, ſondern alle Schriftſteller der beſſeren Zeit mögen das Material für den Ausdruck liefern, und wenn der Tertianer das nachahmt, was er bei Cäſar findet, wenn der Primaner ſich nach Quintilian, ja auch nach Tacitus bildet, warum ſoll dasgrundfalſch, warumbarbariſche Ausdrucksweiſe ſein? Wer hätte denn überhaupt die Garantie, daß ſein eigener ciceronianiſcher Stil von competenteren Richtern, als ſpätere Zeiten gegenüber einer todten Sprache ſein können, als ſolcher anerkannt würde? In der Reformationszeit war ein ſolcher Purismus am Plaze: dort hatte die Polemik des Erasmus, vor Allem aber die ſonderbare Zuſammenſezung der Schullectüre, in der die Kirchenväter und ſpätlateiniſchen Dichter mit ihrem zweifel⸗ haften Latein die Claſſiker überwogen, unhaltbare Zuſtände herbeigeführt; unter jenen Verhältniſſen konnte ſich der ſtrenge Ciceronianismus eines Sturm, welcher bindende Regel und feſte Zucht einführte, nur wolthätig erweiſen.

Ob in dieſem Punkte erhebliche Abhülfe geſchaffen werden kann, iſt mehr als zweifelhaft. Es wäre vielleicht kein ſo ſchweres Unglück, als es leicht auf den erſten Blick erſcheint, wenn in den zu leſenden Schriftſtellern eine Beſchränkung einträte, Salluſt aus Secunda entfernt, Livius und Tacitus reducirt, dafür eine ciceronianiſche Chreſtomathie, leichte Briefe und Reden geleſen würden. Der Gewinn für den Stil wäre evident. Nicht mehr die Grammatik, ſondern der Autor würde die Einheit des Unterrichts bilden, die Lectüre entſchieden in den Vordergrund treten, die ſtiliſtiſchen Uebungen ſich mehr mit ihr als mit der Grammatik verbinden, der lezteren würde die Aufgabe des Sammelns und Zuſammenfaſſens der aus der Lectüre und an der Sprache gewonnenen Einzelheiten zukommen ein Verfahren, welches für den griechiſchen Unterricht mehr und mehr als das richtige erkannt wird. Bei unſerer jezigen Betreibung des lateiniſchen Sprachunterrichts folgen die Stilübungen enge der Grammatik und haben den Zweck,

die Regeln derſelben praktiſch einzuüben. Der Schüler wird aber hierdurch gewöhnt, einzelne Regeln, 2