Druckschrift 
2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Klagen nicht vergeſſen, daß dieſelben auch in früheren Zeiten laut wurden, und daß auch in früheren Zeiten der Mittelſchlag der Lehrer oft ein recht zweifelhaftes Latein ſchrieb; trotzdem darf unbedenklich zugegeben werden, daß die ſtiliſtiſche Fertigkeit unſerer Abiturienten nicht ſehr groß iſt.

Die Gründe für dieſe Erſcheinung ſind ſicherlich ebenſo verſchieden als verſchiedenartig; ſie liegen in allgemeinen und ſpeciellen Verhältniſſen und können auch nur zum Theile durch Aufſuchen entſprechender Mittel beſeitigt werden.

Noch vor 40 Jahren bedienten ſich, wie erzählt wird, die Schüler tüchtiger Lehranſtalten mit einer gewiſſen Leichtigkeit der lateiniſchen Sprache nicht bloß zum Schreiben, ſondern auch zur gelehrten Unter⸗ haltung. Ich laſſe es dahingeſtellt, in wie weit dieſe Angaben der Ueberſchäzung entſprungen ſind, mit welcher das Alter meiſt auf die eigene Jugend zurückblickt. Sicherlich gibt es heute kein deutſches Gymnaſium, in dem man dieſes Verhältniß nachweiſen kͤnnte. Der Grund liegt zunächſt wol in einer Abnahme jener jugendlichen Begeiſterung für die klaſſiſche Bildung, welche bei der Neuheit des Beſizes und dem ſonſtigen idealen Zuge der Zeit in den erſten Jahrzehnten unſeres Jahrhunderts an den Gym⸗ naſien noch vielfach zu finden war. Man ſchäzt auch heute dieſe Bildung hoch; aber als alleinige Quelle, aus welcher der Menſch das ganze Leben hindurch ſchöpfen müſſe, um die rechte Nahrung für Geiſt und Herz zu gewinnen, gilt ſie weiten Kreiſen der Nation nicht mehr. Man kann das beklagen, negiren läßt es ſich nicht, und ob hier wirkſame Abhülfe geſchaffen werden kann, wird doch mindeſtens fraglich ſein.

Unter den Gymunaſiallehrern herrſcht im Großen und Ganzen eine Vorliebe für die griechiſche Litteratur; diejenigen, welche ſich der lateiniſchen zuwenden, wählen in der Regel nicht die ſtiliſtiſche Seite. Ja es läßt ſich gar nicht verkennen, daß ſogar eine lebhafte Abneigung gegen den größten lateiniſchen Stiliſten herrſcht; man vergißt die Bedeutung des Mannes auf dem Gebiete der lateiniſchen Sprachent⸗ wickelung über dem Unwerthe des Philoſophen und des Staatsmannes, und dieſe Abneigung iſt durch Mommſens bekanntes Urtheil nicht verringert worden. Es gilt für geiſtlos, den Cicero zu leſen; vollends ſeinen Stil zu ſtudiren iſt vielfach gleichbedeutend mit Zurückgebliebenſein in ſeinen Studien. Die Univerſitäten ſind bei der Richtung der heutigen Philologie ſelten im Stande, den Stil in ſeiner eigent⸗ lichen und unmittelbaren Geſtalt zu pflegen, Vorleſungen über ciceronianiſche Schriften erſcheinen nur vereinzelt in den Verzeichniſſen, und ſo iſt es nicht zu verwundern, wenn auch unter den Lehrern die Kunſt des lateiniſchen Stiles bereits ſelten zu werden beginnt. In den unteren Claſſen der höheren Schulen, wo die Fundamente gelegt werden ſollen, unterrichten vielfach Anfänger im Lehramte, welchen die Aufgabe zufällt, ſich ohne vorherige Anleitung, oft auch ohne den Beiſtand eines tüchtigen Directors an den beſonders ſchwierigen Unterricht in den alten Sprachen zu machen. Selbſt den begabteren und deren iſt natürlich die Minderzahl fehlt es am rechten Erfolge, weil das, was ſie in dem einen Jahre gut angelegt haben, in den folgenden nicht gepflegt wird und allmählich verkommt. Anlage von Proſeminarien zur Vorbereitung und Schulung für die philologiſchen Seminarien und pädagogiſcher Seminarien nach dem theoretiſchen Studium, Aufſtellung von Speciallehrplänen für jede Anſtalt, aber dann auch Ausführung der hier gegebenen Beſtimmungen, häufige Beſprechungen in den allge⸗ meinen Conferenzen, namentlich auf Grundlage der von den Directoren gemachten Beobachtungen, endlich der öftere Wechſel der Ordinarien in Claſſe VI und V, IV und III werden als wirkſamſte Mittel der Abhülfe bezeichnet werden dürfen; denn nur wenn jeder Lehrer bis ins Einzelne weiß, welches die Auf⸗ gabe der einzelnen Klaſſen iſt, wie ſie gelöſt werden muß, was er von ſeinen Nachfolgern und was dieſe von ihm zu erwarten haben, wird die nöthige Einheit und Ruhe in den Unterricht kommen und das Ineinandergreifen der verſchiedenen Stufen erzielt werden.

Dieſe Verhältniſſe ſind nicht der Grund, wol aber ſehr fördernde Motive geweſen zu der Zer⸗ ſplitterung der lateiniſchen Lectüre, welche ein ganz weſentliches Hinderniß für Erreichung ſtiliſtiſcher