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denn für eine etwaige größere Förderung der Schüler hat der Umſtand, daß es ſich hier um eine lebende Sprache handelt, ſo gut wie keine Bedeutung, und praktiſch ſind dieſe Aufſäze ebenfalls von äußerſt geringem Werthe; denn für gutes Franzöſiſch wird kein Menſch derartige Leiſtungen anzuſehen geneigt ſein, ſo wenig als man bei den lateiniſchen Aufſäzen nur gutes Latein verlangen und erwarten kann. In beiden Fällen liegt jedoch die richtige Erwägung zu Grunde, daß die Kenntniß keiner fremden Sprache auch nur die erſte Stufe von Vollſtändigkeit und Gründlichkeit erreicht hat, wenn ſie nicht von der bloßen Nachbildung einer beſtimmten und poſitiven Norm zu einer, wenn auch noch ſo beſchränkten, Production überzugehen vermag. Die Production oder die ſelbſtändigere Reproduction beſteht beim lateiniſchen Aufſatz in der Anordnung und Entwickelung der Gedanken in einer durch das Thema be⸗ ſtimmten Richtung und in der freieren Verwerthung des gewonnenen Sprachmaterials. Bei dem Schrift⸗ ſteller, auf deſſen Lectüre die Arbeit ruht, findet ſich das Material nach anderen, vielleicht ganz ver⸗ ſchiedenen, jedenfalls zahlreicheren Geſichtspunkten vereinigt oder auch äußerlich getrennt; des Schülers Aufgabe iſt, es zu ſammeln, zu ſichten und dasſelbe nach der einen beſtimmten Seite hin zu geſtalten. Dabei muß er auch in Betreff des lateiniſchen Ausdrucks eine freiere und deshalb an Bildungselementen reichere Thätigkeit üben, als dies bei der einfachen Uebertragung geſchieht. Er kann die Worte und Wortverbindungen, kurz den Sprachſtoff dem Schriftſteller entnehmen, er ſoll das ſogar; aber die Ver⸗ bindung dieſes bruchſtückartigen Materials zum Gedanken, die Aneinanderreihung der Gedanken iſt ſeine Arbeit, und eine Arbeit, die um ſo bildender iſt, als es dem Schüler gelingt, in den Geiſt der fremden Sprache einzudringen; natürlich iſt dies nicht möglich ohne ausdauernde, eindringende und nachdenkende Beſchäftigung mit den Autoren. Doch auch die Art der geiſtigen Thätigkeit iſt eine andere als beim Ueberſezen eines deutſchen Textes. Hier beſteht ſeine Thätigkeit in einer Reihe von Subſumtionen und Erinnerungen; dieſe treten auch dort ein; es kommt aber noch eine erhebliche Uebung der Einbildungs⸗ kraft und des äſthetiſchen Gefühls hinzu, namentlich wenn die Schüler dazu gebracht werden, den Aufſatz ſofort lateiniſch niederzuſchreiben und bei dieſer erſten Abfaſſung die Reflexion möglichſt zurücktreten zu laſſen, vielmehr erſt nachher dem Ausdrucke Schärfe und Schönheit, den Perioden Ebenmaß und Ab⸗ wechſelung, dem Zuſammenhange ununterbrochene Continuität zu geben.
Die ſo oft citirte Gefahr, daß der Schüler hier gewöhnt werde, den Schwierigkeiten auszuweichen und den Gedanken nach dem Wortvorrathe zu modeln, wird durch den Anſchluß an einen lateiniſchen Schriftſteller beſeitigt; ſie kam ernſthaft auch nur für den Prüfungsaufſaz in Betracht. Letzteren beizu⸗ behalten zwingt uns Nichts. Der Aufſaz ſoll eine werthvolle geiſtige Uebung bleiben, ohne daß er zu dem Virtuoſenthum entwickelt würde, welches eine ſolche Inſtitution vorausſezt; gerade wenn er als Prüfungsgegenſtand beſeitigt wird, wird die ſtark mechaniſche Betonung der Uebergänge und ähnlicher Dinge von ſelbſt verſchwinden.
Da der Unterricht in der lateiniſchen Grammatik und Stiliſtik in der dargelegten Weiſe haupt⸗ ſächlich Uebung im Denken anſtrebt und ſomit viel mehr Zeit auf dieſe Seite verwendet, als dies vor 40 Jahren geſchah, ſo werden wir uns nicht wundern, wenn überall und allgemein geklagt wird, daß die Reſultate des Lateinſchreibens der darauf verwendeten Mühe nicht entſprechen. In den 5 unteren Jahrescurſen wird reichlich ein Drittheil der Stunden auf dieſes Gebiet verwandt, bei der Verſezung auf die grammatiſchen Kenntniſſe der Schüler das Hauptgewicht gelegt und aus dieſem Grunde auch von den Eltern Alles gethan, um gerade hierin die Kenntniſſe ihrer Kinder zu fördern. Sogar die Lectüre⸗ ſtunden arbeiten zum Theile für die grammatiſche Bildung— und troz alledem zeigt ſich nicht etwa bloß in Tertia in etymologiſchen, lexikaliſchen und ſyntaktiſchen Fragen die größte Unſicherheit, ſondern dieſelbe erſtreckt ſich auch noch in die Prima, obgleich doch auch die oberen Klaſſen noch einen Theil ihrer Stunden zur Erweiterung und Vertiefung der grammatiſchen Kenntniſſe verwenden. Man darf nun bei dieſen


