10 auch eine Anzahl einzelner Regeln ins Auge zu faſſen, während ſeine Auffaſſung des Ganzen und der Sprachgebrauch, bei welchem eine derartige Regel nicht ſpeciell hervortritt, ungeübt bleibt. Aber wie viele Gymnaſien und Schulbehörden werden darauf eingehen, um des ſtiliſtiſchen Gewinnes willen die Vor⸗ theile einer Schriftſtellerlectüre mit ihrem allſeitigen Bildungsgehalte und um die höhere formale Voll⸗ endung den Gehalt des Cäſar und Salluſt, theilweiſe des Livius und Tacitus hinzugeben?
Denn immerhin ſteht es noch nicht ſo ſchlimm, daß nicht durch entſprechende Einrichtung und Ver⸗ vollkommnung der Methode dieſe nicht der Schule zur Laſt fallenden Nachtheile zum Theile paralyſirt und mit der Förderung grammatiſch⸗ſtiliſtiſcher Bildung auch die Leiſtungen in der Lectüre erhöht werden könnten. 3
Nur um der Vollſtändigkeit willen ſei erwähnt, daß eine möglichſte Beſchränkung des gramma⸗ tiſchen Stoffes in den unteren und mittleren Klaſſen auf das völlig Klare und Beſtimmte ſtattfinden ſollte, daß aber dann auch von jedem Lehrer das für die betreffende Klaſſe vorgeſchriebene Penſum in der beſtimmten Zeit erreicht werden müßte, daß ein Schüler, welcher das grammatiſche Penſum ſeiner Klaſſe ſich nicht vollſtändig angeeignet hat, nicht verſezt werden dürfte und daß beſonders in den Verſezungen nach Quarta und Unterſecunda die größte Sorgfalt zu beobachten wäre, da in Quinta die Etymologie, in Tertia die Elemente der Syntax ihren Abſchluß finden. Aber auch wenn dies geſchieht, muß die fol⸗ gende Klaſſe das Penſum der vorhergehenden nach neuen, ſtets wechſelnden Geſichtspunkten wiederholen, und es darf den Schülern nie eine Aufgabe zugemuthet werden, die ſie nicht den Anforderungen ent⸗ ſprechend bewältigen können. Viel mehr, als dies zur Zeit geſchieht, müſſen die Lehrer der unteren und mittleren Stufen ſich gegenwärtig halten, daß, wenn die Stilübungen ihrer Klaſſen voll Fehler ſind, die Aufgabe über die Kräfte der Schüler hinausging und ihnen nicht nur keinen Vortheil, ſondern ent⸗ ſchiedenen Nachtheil gebracht hat, weil ſie ſich in die Fehler hineinſchreiben und bei öfterer Wiederkehr derartiger Arbeiten an Stümperei gewöhnen.
Es darf als ſicher gelten, daß die Reſultate des lateiniſchen Unterrichts dem großen Zeitaufwande in der Regel deshalb nicht entſprechen, weil die einzelnen Beſtandtheile deſſelben getrennt bleiben und auf dieſe Weiſe eine Fühlung des Schülers mit der Sprache erſchwert, ja unmöglich gemacht wird. Es iſt nur eine beſonders hochgradige Erſcheinung dieſes Uebels, wenn vielfach bereits in unteren Klaſſen be⸗ ſondere Stunden für Grammatik, für mündliche und ſchriftliche Uebungen, für die Vokabeln und für das Leſebuch angeſezt ſind; aber wenn die Zerſplitterung auch nicht in dieſer ſelbſt äußerlich erkennbaren Weiſe erfolgt, ſo beſteht ſie doch viel häufiger, als der oberflächliche Beobachter anzunehmen geneigt iſt. Und doch kann auch noch mit unſeren beſchränkten Mitteln eine Art von sensus latinus erreicht werden, aber nur wenn genau das entgegengeſezte Verfahren eingehalten wird, wenn alle dieſe einzelnen Thätig⸗ keiten ſich immer um den lebendigen Stoff der Lectüre gruppiren und immer und überall ſich gegenſeitig ergänzen und ſtüzen.
Bis zur zweiten Hälfte des Quintacurſes beſteht der grammatiſche Unterricht aus drei im orga⸗ niſchen Zuſammenhange ſtehenden Theilen, die auch in dieſem Zuſammenhange in jeder Stunde gleich⸗ mäßige Berückſichtigung verlangen. Die Grammatik weiſt die Flexionsformen nach, das Uebungsbuch vermittelt das Verſtändniß und die ſichere Aneignung dieſer Formen, das Vocabular liefert den Sprachſtoff, der bei dieſen Uebungen verwendet wird. Der Sprachſtoff des Vocabulars iſt aber nicht bloß dazu be⸗ ſtimmt, das Object abzugeben für Vornahme der Denkoperationen, ſondern er muß auch, da Erlernung der Sprache ein zweiter Hauptzweck dieſes Unterrichtes iſt, beſonders ſorgfältig und planmäßig zum Beſize der Schüler gebracht werden. Es iſt dabei der notwendigen Wiederholung Rechnung zu tragen, wobei das einfach mechaniſche Abfragen nicht ausreicht; es müſſen aber auch von vornherein die Grenzen des


