Druckschrift 
2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

Dieſe Bildung giebt, nicht bloß in ihren beſtimmenden Reſultaten, ſondern auch wegen der allgemeinen Geiſtesgymnaſtik, die ſie bei richtiger Leitung gewährt, eine der wichtigſten Vorausſezungen, unter denen die höheren, mehr idealen Studien der oberſten Stufe allein fruchtbar getrieben werden können. Wir faſſen ſie hier vorzugsweiſe ins Auge.

Der lateiniſche Anfangsunterricht geht im Allgemeinen in inductiver Weiſe von der Anſchauung, der Vorſtellung und dem Begriffe zu dem Geſeze vor; iſt lezteres einmal gewonnen, ſo iſt das fernere Operiren mit demſelben weſentlich deductiv; wenn alſo auch kein verſtändiger Lehrer die Induction bei der Darſtellung einer neuen ſprachlichen Wahrheit bei Seite ſezen wird, ſo wird doch der Unterricht im Allgemeinen deductiven Charakter haben. Dies wird von jedem fremdſprachlichen Unterrichte gelten, und es iſt deshalb die höhere Schulbildung der europäiſchen Völker überwiegend auf das Studium fremder Sprachen mittels der Grammatik gebaut. Es könnte ſomit auch eine neuere Sprache den An⸗ fangsunterricht übernehmen und die Grundlage alles grammatiſchen Unterrichtes liefern, und in der That iſt ja dieſe Einrichtung von mancher Seite, und zwar nicht erſt in neuerer Zeit, beantragt worden. Daß auch auf dieſem Wege Erfolge erzielt werden können, ſoll nicht beſtritten werden; die Frage wird indeſſen ſo zu ſtellen ſein, ob die Reſultate in dieſem Falle beſſer und größer ſind, als wenn der lateiniſche Sprach⸗ unterricht den Anfang bildet, und hierauf wird die Antwortnein lauten müſſen.

Was zunächſt die Behauptung betrifft, daß die Erlernung einer modernen Sprache auf gramma⸗ tiſchem Wege leichter und deshalb für das frühere jugendliche Alter angemeſſener ſei als die einer antiken, ſo kann dies mit Einſchränkung inſoweit zugegeben werden, als Declination und Conjugation hier ſicherlich einfacher ſind und der Mutterſprache näher ſtehen als im Lateiniſchen, während der Unterſchied von Schrift und⸗-Ausſprache dieſen Vortheil mindeſtens erheblich reducirt; aber für die Entſcheidung der Prioritätsfrage hat dieſe Thatſache, ſelbſt wenn man ſie noch ſo günſtig beurtheilt, viel weniger Bedeutung, als es auf den erſten Blick ſcheint. Zunächſt bleibt für den Anfangsunterricht, wenn derſelbe die Sprache nicht allein ex usu lehren will, die Schwierigkeit, von der Mutterſprache auf die fremde zu abſtrahiren, in gleichem Maße für das Franzöſiſche und Engliſche, wie für das Lateiniſche beſtehen und muß in jeder von dieſen Sprachen überwunden werden. Iſt dies gelungen und die Erfahrung beſtätigt uns ſeit vielen Jahr⸗ hunderten, daß dies bei normal angelegten Kindern regelmäßig und, wenn auch nicht ohne Arbeit, aber doch ohne Gefahr für Körper und Geiſt geſchieht ſo handelt es ſich nicht mehr darum, welche Sprache mehr oder minder leicht d. h. einfach iſt und der Mutterſprache mehr oder minder nahe ſteht, ſondern welche den Schüler zu reichlicheren Vorſtellungen und Denkoperationen veranlaßt und tüchtig macht, welche ihn mehr geiſtig ſchult.

Daß dies durch die Mutterſprache oder durch Erlernung einer neueren Sprache nach Bonnen⸗ manier nicht erreicht wird, daß in allen dieſen Fällen das bewußte Denken ſehr wenig in Anſpruch ge⸗ nommen wird, während das Gefühl für künſtleriſche Schönheit des Ausdrucks auf dieſem Wege geſtärkt werden kann, wird allgemein zugeſtanden. Eigentlich müßte das Ideal der Methodiker, welche das Lernen möglichſtleicht, angenehm und vergnüglich machen wollen, ein Unterricht nach Bonnenart ſein; denn dieſer wäre ſicherlich am meiſtennaturgemäß. Man hat indeſſen mit dieſemvergnüglichen und naturgemäßen Unterrichte ſeit Ratke zu ſchlimme Erfahrungen gemacht, und ſo kleidet ſich jezt das Beſtreben der pädagogiſchen Neuerer in das ſpeciöſe Gewand der Wiſſenſchaft und der Geheimniſſe der Pſychologie. Verſuchen wir es, den Schleier etwas zu lüften.

Die Subſumtion unter die grammatiſchen Geſeze geſchieht in der Form des bewußten logiſchen Schließens. Das Geſez oder die Regel, eine Darſtellung beſtimmter geiſtiger Beziehungen mittels der Sprache, bildet den Oberſaz eines ſolchen Schluſſes, der Unterſaz muß feſtſezen, ob der zu beurtheilende Fall die Bedingungen an ſich trägt, für welche das Geſez gegeben iſt: der Verſtand muß die Einheit

1*