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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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ſuchen, in der Regel und Beiſpiel ſich finden. Je öfter und je klarer und je ſicherer dieſe Operation nun vor ſich geht, deſto bildender muß ein Sprachunterricht für das Denken ſein. Nun gehen aber dieſe Schlüſſe um ſo öfter vor ſich, je mehr der Bau der zu erlernenden Sprache ſich von dem der Mutter⸗ ſprache unterſcheidet. Denn alles Denken und alle Erkenntniß wird durch die Anſchauung des Gegen⸗ ſazes geweckt, und je verſchiedenartiger zwei verglichene Gegenſtände ſind, deſto ſchneller und leichter wird jeder in ſeiner Beſonderheit begriffen, alſo die Erkenntnißthätigkeit überhaupt in Bewegung geſezt. Jeder einfache Saz enthält ein Urtheil, jeder zuſammengeſezte die Aneinanderreihung mehrerer Urtheile oder die Beziehung derſelben auf einander in Form des Schluſſes. Aber die Beziehungen der Begriffe und Ur⸗ theile auf einander erfolgen in den verſchiedenen Sprachen mit verſchiedener Klarheit und Beſtimmtheit Die beiden klaſſiſchen Sprachen, Griechiſch und Lateiniſch, haben neben ihrer außerordentlich feinen künſt⸗ leriſchen und logiſchen Ausbildung den Vorzug, daß ſie durch ſehr volle und deutlich ausgeprägte, ſomit unterſchiedene Flexionsformen das grammatikaliſch⸗logiſche Verhältniß der Worte und Säze zu einander äußerſt genau bezeichnen. Durch langen Gebrauch werden die Sprachen abgeſchliffen, die grammatikaliſchen Bezeichnungen im Intereſſe praktiſcher Kürze und Schnelligkeit auf das Nothwendigſte zurückgeführt und dadurch unbeſtimmter, es tritt eine Art Sprachſtenographie ein; das läßt ſich an den modernen euro⸗ päiſchen Sprachen im Vergleich mit der lateiniſchen am deutlichſten erkennen. In dieſem Thatbeſtande liegt es begründet, daß die modernen Sprachen als Unterrichtsmittel viel weniger geeignet ſind als die älteren. Die Uebung in der Beziehung der Begriffe, ſpäter der Urtheile auf einander ſchafft freilich bei dem Reichthum der lateiniſchen Declination, Geſchlechtsunterſcheidung und Conjugation dem Sextaner mehr Schwierigkeiten als dies im Franzöſiſchen der Fall iſt; aber gerade hierin liegt die Entſcheidung: das Lateiniſche gibt beſſere Schulung im Denken.

Es würde zu weit führen, im Einzelnen durch die verſchiedenen Stufen darzulegen, wie allmählich alle geiſtigen Verhältniſſe in dem Sprachunterrichte zur Erkenntniß und zur Klarheit, zur rein geiſtigen Vorſtellung gelangen; es erfolgt dies mit Nothwendigkeit, da in der Sprache eines hochgebildeten Cultur⸗ volkes, deſſen charakteriſtiſche Merkmale Feſtigkeit und Klarheit auf allen geiſtigen Gebieten ſind, ſich alle denkbaren geiſtigen Vorgänge, Verhältniſſe und Beziehungen niedergelegt finden. Wer die geſammte Formenlehre und Syntax erſchöpfend in ſich aufnimmt aber auch nur, wer ſo weit gelangt und ſich ſtets der einzelnen Vorgänge völlig bewußt und darüber klar wird, der hat den geſammten Denk⸗ und Vor⸗ ſtellungsſchaz dieſes Volkes in ſich aufgenommen.

Es müßte nun auch hier der Leiſtungen gedacht werden, welche die Ueberſezungsübungen aus dem Lateiniſchen in das Deutſche, welche überhaupt die mündlichen Uebungen für Vorſtellung und Denken erzielen; wir müſſen uns indeſſen beſcheiden, hier nur darauf hingewieſen zu haben und wenden uns der Betrachtung der Schreibübungen zu.

Kein Sprachunterricht, welcher gründlich ſein ſoll, kann der ſchriftlichen Uebungen entbehren; die Wahrheit dieſes Sazes wird nicht beſtritten: denn es iſt klar, daß wir die Verwendung der ſprachlichen Mittel am beſten erkennen, wenn wir uns ſelbſt in dem Gebrauche dieſer Mittel verſuchen. Dieſe Schreibübungen werden bei der hohen logiſchen Durchbildung der lateiniſchen Sprache ein höchſt bedeu⸗ tender Factor für die Entwickelung des klaren und ſcharfen Denkens. Und je weiter der ſprachliche Unterricht vorſchreitet, deſto mannigfaltiger, deſto ausgedehnter, deſto fruchtbarer werden die Verhältniſſe, welche hier ausgebeutet werden können. Eine lateiniſche Periode zu analyſiren und zu imitiren hat als bloße Uebung im Schreiben dieſer Sprache keine zu große Bedeutung: als logiſche Uebung hat ſie ungefähr den doppelten Werth wie das gleiche Verfahren in der Mutterſprache. Wol werden uns die Beziehungen der Gedanken zunächſt an dem Vergleiche mit der und in der Vermittelung durch die Mutterſprache klar; aber die Uebung bekommt einen weit mehr anſtrengenden und in Folge deſſen den Verſtand bildenden

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